Die Unersetzliche. Ein Rant.

Unter jedem Team in der Altenpflege ist eine besondere Kollegin (oder Kollege) zu finden. Diese Person, „Nadine“ genannt,  hatte offensichtlich in ihrer Kindheit an einer massiven Sprachstörung gelitten, so dass sie niemals lernte, das Wort „NEIN!“ aussprechen oder umsetzen zu können.  Für „Nadine“ ist es wichtig, Dankbarkeit und ein Lächeln der Bewohner zu bekommen. Darin scheint ihr Lebensinhalt zu liegen. „Nadine“ ist allzeit bereit und glaubt, dass ohne ihr Engagement die Menschen vor Ort zugrunde gehen. Aus diesem Grund übernimmt sie so gerne jeden Dienst, der gemacht werden muss, weil eine andere Kollegin krank geworden ist. Dabei ist es egal, ob es sich um einen freien Tag handelt, auf den sie dann verzichtet oder aber ein „Schaukeldienst“.  Ihr geht es um die Bewohner, so altruistisch ist sie.

„Nadine“ fühlt sich direkt angesprochen, wenn von der PDL (Pflegedienstleitung) oder WBL (Wohnbereichsleitung) das gesamte Team darum gebeten wird, doch einen offenen Dienst zu übernehmen, Schichten zu tauschen oder aber auf ein Frei zu verzichten. Sie ist bei allen KollegInnen beliebt, wird aber auch oft bemitleidet und deshalb auch (vergeblich) geschützt.. Hinweise darauf, dass sie sich endlich mal erholen soll, kontert sie mit der Äußerung: „Wieso das denn? Zuhause ist doch nichts los.“ oder anderen Ausreden. Sie ist immer da. Immer bereit, wenn es um „Einspringen“ und „Übernehmen“ geht.

Da nicht jede/r WBL oder PDL verantwortungsvoll sein Personal plant, ist diese Kollegin beim einigen Arbeitgebern besonders beliebt. Denn sie eignet sich besonders gut für die Manipulation des Teams.

„Hört mal, es kann doch „Nadine“ wieder die Schicht übernehmen! Sie hat doch schon vier Dienste übernommen. Also.. wer von Euch springt ein?“

Und sofort macht sich ein vom Vorgesetzten einkalkuliertes Gefühl im Team breit. Nämlich dem Gefühl des schlechten Gewissens und ein Kollegen-Schwein zu sein. Und – es wird sich dann garantiert jemand finden, der den Dienst übernimmt, um „Nadine“ zu entlasten und ihr auch ein Frei zu gönnen.

Und jetzt kommt mein Schimpfen:

Diese Kollegen wie „Nadine“ haben meines Erachtens nach in der Pflege nichts zu suchen, auch wenn sie ihre Arbeit verdammt gut machen und man sich auf sie verlassen kann. Die Pflege dient nämlich nicht dazu, persönliche Bedürfnisse nach Dankbarkeit und Lächeln zu befriedigen. Das Stichwort „Professionalität“ ist hier elementar.

Meine Begründung: Menschen wie „Nadine“ boykottieren bzw. blockieren mit ihrem Bedürfnissen nach Anerkennung und Dankbarkeit unsere Forderungen nach besseren Personalschlüsseln und somit besseren Arbeitsbedingungen. Sie sorgen dafür, dass das marode System „Altenpflege“ weiter funktioniert, und das besonders in Einrichtungen, die durch investorenbetriebenen Sparmaßnahmen ausgeblutet werden.

Sie sorgen mit ihrem Verhalten dafür, dass im Team mehr als erlaubt gearbeitet wird. Dass Überstunden anfallen, die niemals vergütet werden. Dass alle im Team an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit getrieben werden. Und das darf es nicht sein!

Wird in der Pflege von Menschenwürde gesprochen, dann geht es meist um die Würde der Bewohner von Pflegeheimen oder Krankenhäusern. Aber nach meinem Gefühl  nicht um die Würde der Pflegekräfte. Man verhält sich uns Altenpflegern gegenüber respektlos, despektierlich und abwertend. Würde man unsere Arbeit respektieren und entsprechend honorieren, gäbe es Menschen wie „Nadine“ nicht. Okay, es gäbe sie weiterhin, aber sie hätten ihr Frei, das ihnen zusteht und könnten zum Therapeuten gehen,

Habt Ihr auch so eine Kollegin oder einen Kollegen, der immer einspringt, wenn Not am Mann ist? Wie benehmt Ihr Euch ihm gegenüber? Versucht Ihr diese Person, vor sich zu schützen? Oder lasst Ihr Euch über diese Personen zu zusätzlichen Diensten oder überraschenden Schichtwechseln erpressen? Oder bist du sogar „Nadine“?

Lasst uns darüber sprechen. Nutzt die Kommentarfunktion oder kontaktiert mich auf Twitter. Ich freue mich auf Eure Gedanken.

In diesem Sinne

Eure

Frau Sofa

Post scriptum: Verdi hat eine gute Broschüre heraus gegeben. Zum Thema „NEIN!“ Die jede Pflegekraft, egal wo sie als was arbeitet, mal studieren sollte: Mein Frei gehört mir.

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6 Kommentare zu „Die Unersetzliche. Ein Rant.

  1. Ich kenne das gut. Lange Zeit bin ich auch noch voll Idealismus gewesen – man wollte ja helfen.
    Habe somit auf mein frei verzichtet, wenn angerufen wurde. Und es war ein grosses Team. Es wurde zusehends immer häufiger das Krankmeldungen eintrudelten. Irgendwann wurde es normal, das die Chefin von „Pluspunkten“ sprach, die Zahl der Überstunden wuchs unaufhörlich an. Nach einer Weile blieb das Privatleben auf der Strecke, mussten private Dinge abgesagt oder verschoben werden.

    Irgendwann regte sich Widerstand in mir, ich wurde zusehend aggressiv wenn ich bereits die Telefonnummer der Klinik sah, oder ging gar nicht mehr dran. Natürlich meldete sich prompt das schlechte Gewissen – wer kennt dies im Pflegebereich nicht. Aber ich wurde zunehmend unzufriedener, Pausen ließen sich immer weniger nehmen, die eigenen Bedürfnisse wurden zusehends missachtet. Aber für was? Für das Team? Ich kann nur gute Arbeit leisten, wenn ich auch meine Bedürfnisse berücksichtige, das habe ich aus eben dieser Zeit gelernt.

    Ich merkte sogar, das sich zunehmend der Ton auch auf Station verschärfte, das durch die hohe Arbeitsbelastung das Team regelrecht gesprengt wurde. Es ist traurig zu sehen, das dies z. T. mittlerweile alles kalkuliert wird von
    Beraterfirmen, um Teams zu sprengen, und Einzelne so gezielt besser ausnützen zu können.

    ZEIT DAS SICH WAS ÄNDERT!

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  2. Es ist lange her – Zivildienst bzw. Nebenjob im/kurz nach dem Langszeitstudium – dass ich in der Pflege arbeitete. Aber eines habe ich begriffen: Es ist in dieser Branche absolut lebensnotwendig, den Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleid kennen. Abgesehen von den oft schwierigen Arbeitsbedingungen: Es macht den Unterschied aus zwischen einem (zumindest in menschlicher Hinsicht) einiggermaßen erfüllten Arbeitsleben und einer Existenz am Rande des ständigen Burnout.

    Der „Helferkomplex“ ist viel zu weit verbreitet in der Pflegebranche. Vor allem sollte häufiger gestreikt werden.
    https://historix108.wordpress.com/2014/04/15/pflege-in-deutschland-die-schleichende-katastrophe/

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  3. Ich hab Kollegen gefressen, die sich krank zum Dienst schleppen mit der Begründung „wenn ich jetzt auch noch ausfalle, bricht doch hier alles zusammen“, und dann aber den ganzen Tag jammern, wie schlecht es ihnen geht.
    Ich hab mal eine angepflaumt „ich will das nicht hören. Mach deine Arbeit oder bleib mit dem Arsch zu Hause, statt hier deine Bazillen zu verteilen!“. Fand die ungeil.
    Ende vom Lied: ich hab mich natürlich angesteckt und lag eine Woche später flach.

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