Unsere Zeit

Lieschen Müller, 42, Büroangestellte, 38.5h Woche

Gerne möchte ich Euch Lieschen Müller vorstellen. Lieschen Müller ist 42 Jahre alt und Sachbearbeiterin bei einer Versicherung. Genauso gut könnte sie auch bei einem Rechtsanwalt, in einem Verband, bei einem Notar oder in irgendeinem anderen Büro arbeiten.

Lieschen Müller lebt mit ihrem Mann in einem kleinen Reihenhaus engagiert sich ehrenamtlich bei einer Wohltätigkeitsorganisation, ist Mitglied im Sportverein (Walken, Linedance, Yoga) und trifft sich einmal im Monat mit ihren Freundinnen zum gemeinsamen Bücherabend. Den Rest der Zeit verbringt sie mit ihrem Ehemann im Garten, macht mit ihm zusammen Ausflüge und ausgedehnte Wochenendspaziergänge.

Lieschen Müller hat eine 38.5 Stundenwoche und arbeitet an vier Tagen in der Woche von 8 bis 17 Uhr. Freitags hat sie schon gegen Mittag Schluss. Also hat sie mindestens acht Tage im Monat frei. Lieschen Müller kann ihre Freizeit planen, auch ihren Urlaub und ihren Hobby.

Lieschen Müller kann ihre Zeit planen. Sie weiß, dass sie am 1. Mai und 3. Oktober  frei hat, genauso zu Ostern, Pfingsten, Weihnachten und allen anderen Feiertagen. Besonders glücklich ist sie, wenn sie sog. Brückentage „buchen“ kann, um ihren Urlaub zu verlängern. Denn ihre Arbeitszeit ist geplant. Wie auch ihr Urlaub von 30 Tagen, den sie mit ihren Kollegen abspricht.Genauso auch ihr Gehalt, mit dem sie sehr glücklich ist.  Gut, es  könnte noch besser sein, aber es reicht für ihr Leben. Und von ihrem Arbeitgeber bekommt sie sogar eine VL-Leistung, die ihr ihre Rente später aufbessern wird.

Wird Lieschen Müller mal krank, dann übernehmen ihre Kollegen einen Teil der Arbeit,  manches aber kann solange liegen bleiben, bis sie wieder im Dienst ist. Und ihren Urlaub kann sie genießen, denn sie weiß, dass das ihre Zeit für sich ist. Sie sich also erholen kann.

Wilma Kowalsky, 42, Altenpflegerin

Nun möchte ich Euch gerne Wilma Kowalsky vorstellen. Wilma Kowalsky ist 42 Jahre alt und arbeitet seit 15 Jahren als exam. Altenpflegerin. Sie arbeitet  stationär, kann aber genauso gut im Ambulanten Dienst angestellt sein. In diesem Beispiel lasse ich sie stationär arbeiten, da dieses Arbeitszeitmodell noch human ist, verglichen zu den Arbeitszeitmodellen in der ambulanten Pflege oder gar in der ambulanten Intensivpflege.

Wilma Kowalsky lebt in einer kleinen Wohnung, alleine zusammen mit einer Katze. Wilma Kowalsky ist geschieden und steht nur noch im losen Kontakt zu ihrem Ex-Mann. Meist ergibt sich der Kontakt nur, wenn es um die gemeinsamen Kinder geht.

Wilma Kowalsky hat eine 38,5 Stundenwoche und arbeitet sechs Tage die Woche. Sie arbeitet im Zweischicht-System und hat jedes zweite Wochenende Dienst. Ihre (stationäre) Arbeitszeit ist im Frühdienst von 6:30 Uhr bis 14 Uhr und im Spätdienst von 13:30 Uhr bis 21 Uhr. Netto arbeitet sie 7 Stunden, woraus sich rechnerisch nur 6 freie Tage im Monat ergeben.

Sie kann ihre Freizeit nicht langfristig im Voraus planen. Auch weiß sie nicht, ob sie an den Feiertagen wie 1. Mai, 3. Oktober, Ostern, Pfingsten, Weihnachten usw. frei hat. Von „Brückentage“ hat sie zwar gehört, kennt sie aber nicht, da sie diese nicht nehmen kann.

Ihre Arbeitszeit errechnet sich faktisch aus den monatlich zu leistenden Stunden. Und ihren Dienstplan erhält sie immer nur von einem Monat auf den anderen. Obwohl laut Betriebsvereinbarung festgeschrieben ist, dass der neue Dienstplan bis zum 15. eines Monats ausliegen muss, ist es meist so, dass dieser Plan erst am letzten Tag des Monats publiziert aber noch nicht freigegeben ist. Denn, gibt es mal Ausfälle durch Krankheit, was oft passiert, müssen die Dienste umgestellt werden.

So ergibt es sch dann, dass Wilma Kowalsky auch sog. „Schaukeldienste“ hat, also vom Spätdienst direkt in den Frühdienst am nächsten Morgen wechseln muss. Nur weiß sie nicht, dass bei diesen Arbeitszeiten so ein Schaukeldienst gar nicht zulässig ist (dazu später in einem anderen Beitrag mehr)

Wilma Kowalsky kann ihre Freizeit nicht planen. Denn die Personaldecke in der Einrichtung ist so dünn, dass bei Ausfällen Kollegen aus dem Frei oder dem Urlaub geholt werden. Auch weiß sie nie, ob sie auch wirklich den Urlaub so bekommt, wie sie ihn beantragt hat. Denn oft kommt die Leitung und begründet irgendwelche Verschiebungen mit „betrieblichen Belangen“. Denn Schichtleitungen müssen gewährleistet sein, und wenn es die Schichtleitung für zwei Wohnbereiche mit insgesamt 46 Bewohnern ist.

Wilma Kowalsky arbeitet „nur“ sieben Stunden am Tag. Versorgt aber bis 10 Uhr morgens acht zum Teil hochgradig demente Bewohner, mobilisiert diese, aktiviert deren Fähigkeiten (soweit es ihr die Zeit zulässt) und weiß, dass sie, als Schichtleitung gleichzeitig sich um die Medikamente kümmern muss, die Ärzte informieren muss, Angehörigengespräche führt usw pp. Unter den Bewohnern befinden sich alle neurologischen Erkrankungen, die im Alter auftreten können oder eskalieren: M. Pick, Parkinson, Schizophrenie,  Korsakow, und vieles andere mehr. Zum Dienstende ist sie ausgepowert. Sie spürt an ihren Knochen und Gelenken, was sie geleistet hat. Und sie sehnt sich nach RUHE und nicht sprechen müsen.

Für den Fall, dass sie mal an einem Tag frei haben möchte oder muss, gibt es einen sog. „Wunsch-Frei-Kalender“, in dem sie ihre „festen“ Tage vormerkt. Allerdings ist nicht sicher, ob sie diese freien Tage, von denen sie nur sechs im Monat hat, auch bekommt.

Bildungsurlaub ist nicht gewünscht, wird auch nicht thematisiert. Subtil wird über den Kollegenkreis Druck ausgeübt, auf keinen Fall mehr Frei in Anspruch zu nehmen als man über den Dienstplan hat. Denn die Arbeit muss gemacht werden und sollte Wilma Kowalsky einmal beschließen, Bildungsurlaub zu nehmen, dann müssen ihre Kollegen entweder aus dem Frei kommen oder mehr Bewohner versorgen oder aber einen Tag zusätzlich arbeiten… Varianten dafür gibt es viele.

Und weil Wilma Kowalsky unter diesem Druck steht und weil sie nie weiß, wann sie was in ihrer Freizeit machen kann, hat sich ihr Freundeskreis auf nur noch wenige reduziert. Sie kann nicht spontan beschließen, abends essen zu gehen oder ins Kino, sondern muss es immer mit Blick auf den Dienstplan planen. Auch für regelmäßigen Sport fehlt ihr die Zeit und oftmals auch die Kraft. Wenn sie nach dem Dienst nach Hause kommt, in ihre kleine Wohnung, fällt sie meist erst einmal aufs Sofa und schläft eine Stunde.

Die Bezahlung von Wilma Kowalsky ist soviel, dass es grade zum Leben reicht. Große Sprünge kann sie damit nicht machen. Ihr Gehalt kann sie durch Zulagen aufbessern, aber da nicht jeder Monat einen Feiertag hat, kann sie damit auch  nicht kalkulieren. Ihr Arbeitgeber zahlt ihr keine VL-Zulagen, da dies im Entlohnungsmodell nicht vorgesehen ist.

Das Durchschnittsgehalt einer Altenpflegerin liegt bei ca. 2.9oo Euro brutto, was sich aber von Bundesland zu Bundesland unterscheidet.

Und nun fragt Ihr Euch, warum ich für eine gerechtere Bezahlung in der Pflege bin? Warum ich danach brülle, dass gerade in der Altenpflege sich etwas ändern muss? Warum ich laut fordere, dass dieser Beruf attraktiver über das Gehalt gestaltet werden muss?

Solange aber Altenpflege als gewinnbringendes Modell promotet wird, mit dem sich gute Dividenden erwirtschaften lassen, solange die Politik die Betreiber von Einrichtungen schützt, wird sich nichts ändern. Aber genau das muss sich ändern.

In diesem Sinne

Eure

Frau Sofa

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: