Verblistert

Viele von Euch in der Altenpflege habt es tagtäglich mit diesen vermalledeiten verblisterten Medikamenten zu tun. Ellenlange Bahnen von Plastik, in denen Medikamente eines Bewohners eingeschweißt sind. Der Aufdruck, um welches Medikament es sich handelt bzw. wann es zu geben ist, ist in minimaler Schrift aufgedruckt – kaum lesbar. Aufreißen lassen sich die Verpackungen nicht, sondern man braucht eine Schere. Und hat man endlich den Beutel aufgeschnitten, „kleben“ aufgrund statischer Aufladungen die Medikamente an dem Plastik, so dass man sie herausfummeln muss. Eine äußerst lästige Tätigkeit!

In der Bewohnerakte habt Ihr eine Rubrik der Medikamente, mit Bildchen und dem Hinweis, wann was zu geben ist. Nur – Ihr habt keinen Waschzettel, dem Ihr eventuell die Neben- bzw. die Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten entnehmen könnt.

Sicher, die Veblisterung der Medikamente kann damit begründet werden, dass somit „Fehler“ vermieden bzw verlagert werden, nämlich in Richtung Apotheke.

ABER! ABER! ABER!

Drei massive Argumente sprechen meiner Meinung nach gegen diese Praxis der Medikamenengabe.

  • Unsere Fachlichkeit wird damit (bei manchen Kollegen berechtigt) in Frage gestellt

Bedingt durch die „Anonymität“ der Medikamente, die wir unter Zeitdruck aus der Verblisterung in die Pöttchen legen, wissen wir oft nicht  mehr, was wir da geben. Uns fällt (je nach der Fähigkeit des „Mitdenkens“) oft nicht auf, dass 21 unterschiedliche Medikamente als Morgengabe eines Bewohners wahrscheinlich nicht mehr wirklich gut sein können, sondern es einige Medis gibt, die Wechsel- bzw. Nebenwirkungen aufheben sollen.

Hier ist unsere Fachlichkeit gefragt, nämlich die Kenntnis, dass ab sechs Medikamenten pro Dosis mit entsprechenden Nebenbegleitungen zu rechnen ist. Und die Verblisterung verhindert, dass wir direkten Einblick in die Packungsbeilage (Waschzettel) nehmen können.

Ja, es ist bequem, die Medikamente aus der Verblisterung zu holen. Wir entbinden uns damit unserer Verpflichtung, die Medikamente auf ihre Nebenwirkungen hin zu überprüfen. Allerdings, und  jetzt werde ich polemisch, ist dies auch von manchen Kollegen gar nicht zu erwarten. Sie tun  nur ihren Job, so entlastet und stressfrei wie möglich.

Schlimm wird es, wenn ich bei einem Einsatz als Morgenmedikamentation eines Bewohners 21 (!!!!) unterschiedliche Medikamente herauspuhlen muss, und eine Auszubildende neben mir steht und mich fragt, warum ich das mache. Das mache doch jeder für seine Bewohner selbst – ob Helfer oder Schüler oder Fachkraft – je nach dem, wer gerade in den Dienst geplant ist. Und ich mir direkt die nächste Frage anhören muss, warum ich unterschiedliche Töpfchen  nehme und nicht alles in eins packe? Mitdenkende wissen, auf was ich anspiele.

Mein Entsetzen sprach in dem Augenblick Bände.

  • Mit der Verblisterung  wird mindestens eine Fachkraft gespart

Ich kenne manche Einrichtungen, in denen einmal die Woche eine Fachkraft für die Bewohner eines Bereiches die Medikamente für eine Woche stellt. Diese Fachkraft ist dann extra dafür aus der Pflege genommen. Während sie sich um die Medis kümmert, ist an dem Tag für die Versorgung der Bewohner ausreichend Personal zur Verfügung gestellt.

So passiert es in diesen Einrichtungen, dass pro Schicht manchmal zwei Fachkräfte in einem Wohnbereich anwesend sind.

In den Einrichtungen hingegen, in denen verblisterte Medikamente gestellt werden, ist die Personaldecke um mindestens eine Fachkraft pro Wohnbereich weniger eingestellt. Denn es braucht ja keine Kraft mehr, die für diese Tätigkeit extra abgestellt wird.

  • Die Verantwortung liegt bei uns Fachkräften

Auch wenn die Medikamente von der Apotheke nach der Anordnung des Arztes gestellt werden, obliegt es uns Altenpflegern, auf Wechselwirkungen zu achten. Achten wir nicht auf eine eventuelle Überdosierung oder Übermedikamentation, dann begehen wir gefährliche Pflege. Denn es obliegt uns, Schaden von den uns Anvertrauten fern zu halten, was wir aber nicht tun, wenn wir einfach „entpacken“ ohne nachzudenken. Nur leider sind sich allerdings dieser Tatsache die Wenigsten bewusst. Klar, wir haben es mit Menschen zu tun, „die sowieso bald“ sterben werden. Eine ganz böse Ansicht!

 

Wie werden bei Euch die Medikamente gestellt? Und achtet Ihr wirklich auf Folgewirkungen oder übermäßig viele Medikamente pro Gabe?

Lasst es mich bitte wissen. Ob hier im Kommentarfeld oder auf Twitter.

In diesem Sinne

Eure

Frau Sofa

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: