Stiefkinder der Gesellschaft

Wir Altenpfleger werden immer die lukrativen Stiefkinder der Gesellschaft bleiben, egal wie „wertvoll“ unsere Arbeit auch in der Politik bezeichnet wird, wenn am Rande eines politischen Diskurses die Pflege alter Menschen beiläufig mal zur Sprache kommt. Daran werden die heeren Worte von Gröhe und Co. nichts ändern.

Der Grund oder die Gründe für diese temporären Lobhudeleien sind so profan, dass sie kaum gesehen werden. Weder von der Presse noch von den Politikern: Das Problem „Mitarbeitermangel in der Altenpflege“ eignet sich nämlich hervorragend für Wahlkämpfe vor Bundestagswahlen, ähnlich wie die Themen „Bildung“ und „Kindergärten“ bei Landtagswahlen. Es geht allein um Emotionen, über die geschickte Wahlkampfstrategen versuchen, die Parteien in der Öffentlichkeit entsprechend positiv zu positionieren und darzustellen. Und ein wenig Empörung und Entsetzen steht jedem Politiker gut. Und auch jedem Wähler. Denn wer möchte denn in der Öffentlichkeit als Rabenkind dastehen, das seine zu pflegenden Angehörigen in den Pflegeeinrichtungen im Stich lassen will?

Auch wenn ich jetzt inhaltlich etwas aushole, bleibe ich dennoch auf meiner gedanklichen Spur:

Kinder und (künftige) Erwerbstätige sind wertvoll. Sie werden, je nach Bildungsstand, aktiv zum Erhalt und zur Steigerung des BIP benötigt. Deshalb tauchen diese Themen immer und immer wieder kurz vor politischen Wahlkämpfen auf. Kinder und Erwerbstätige sind wichtig für die Wirtschaft unseres Landes. Sie sind unsere (künftigen) Leistungsträger. Dass man sich ihnen zuwendet, ist okay.

Ich werde jetzt noch böser, wenn ich behaupte, dass eine gesellschaftliche Teilung in den Berufen politisch und wirtschaftlich erwünscht ist. Es wird immer politisch gewollt sein, für ein Bildungsniveau zu sorgen, in dem Manche gesellschaftlich höher angesehenen Berufe ergreifen, wie Manche am unteren Rand der Gesellschaft ihrer Tätigkeit nachgehen werden – zum Teil unter menschenunwürdigen Umständen.

Aber und jetzt werde ich richtig zynisch: Alte, Gebrechliche, Multimorbide und Behinderte hingegen könne keine Leistung mehr für die Gesellschaft erbringen. Sie werden bald oder irgendwann sterben. Nur bis dahin werden sie die Sozialkassen, in die die arbeitende Bevölkerung einzahlen, mit immensen Ausgaben belasten, da sie Hilfen zum Leben benötigen. Diese Personenkreise haben ihren Dienst für die Gesellschaft getan. Und das spiegelt sich auch in den Berufsgruppen wider, die diese Personenkreise versorgen und ihnen mit ihren Kenntnissen die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben mehr oder weniger ermöglichen.

Alte Menschen hingegen werden hingegen kaum noch respektiert. Klar, die Emotionen kochen hoch, wenn wieder ein Pflegeskandal in der Presse auftaucht. Aber die Öffentlichkeit zeigt keine Empörung, wenn es darum geht,  unter und zu welchen Bedingungen die Pflegekräfte in Alten- und Pflegeheimen ihrer Tätigkeit nachgehen müssen. Wir werden als „Helden“ bezeichnet, nur, das sind wir nicht. „Helden“ retten Menschenleben unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Obwohl, näher betrachtet, könnte diese Definition auf uns Altenpfleger passen.

„Das hast du dir doch selbst ausgesucht.“ ist noch der – gelinde gesagt – höflichste Kommentar, den wir zu hören bekommen, wenn wir uns im Privaten oder im Freundeskreis über unsere Arbeit auslassen. Oder „Dann geh doch zur Uni und lerne endlich etwas Vernünftiges.“ Sorry, aber diese Sprüche kann ich nicht mehr hören. Der schlimmste Spruch ist aber „Pflegen kann jeder!“ Das stimmt nicht!

Aber erhalten wir eine aktive Unterstützung aus der Öffentlichkeit? Eine Unterstützung, die beinahe aggressiv uns dabei unterstützt, für bessere Bedingungen zu kämpfen? Ich sehe keine, bis auf die leeren Phrasen aus den Parteien, die 2018 schon längst wieder vergessen sein werden.

Dass sich inzwischen immer mehr Pflegekräfte aus dem Beruf verabschieden, ist dem System, dem wir unterworfen sind, zu verdanken. Denn bis zum 67. Lebensjahr wird es niemand von uns aushalten, in diesem Umfeld arbeiten zu müssen, um dann mit einer Rente von etwa 900 Euro, kaputten Gelenken und Nerven in den Lebensabend gehen zu können.

In diesem Sinne

Eure

Frau Sofa

P.S.: Eins noch! In dem Beitrag „Unsere Zeit“ schrieb ich im Post scriptum (=P.S.) von einem Durchschnittsgehalt einer examinierter Altenpflegerin in Höhe von 2.900 Euro. Kurz darauf erreichte mich auf einer anderen sozialen Plattform die Meldung, dass ein ausgebildeter Kranken- und Gesundheitspfleger im Osten unserer Republik im ambulanten Dienst 1.700 Euro auf einer 100%-Stelle verdient.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s