Es mangelt an Vielem!

Fachkräftemangel hier! Fachkräftemangel da! Fachkräftemangel dort!

So liest es sich, wenn man die Medien studiert. „Fachkräftemangel“ in der Pflege ist derzeitig DAS meist verschwiegene politische Thema der in diesem Jahr anstehenden Wahlen.

Für mich gibt es keinen Fachkräftemangel in der Pflege – an sich, denn ich bin der festen Überzeugung, dass es genügend Menschen gäbe, die gerne in der Pflege tätig wären… wenn es nicht so tragisch wäre.

Ich komme viel herum. Werde in vielen Einrichtungen in und im Umkreis von Hosenbüttel eingesetzt. So erlebe ich als Mitarbeiter bei einem Personaldienstleister immer wieder schlimme Arbeitsbedingungen in der Pflege, sei es in Altenheimen sei es in Kliniken. Und meine Kollegen und Kolleginnen werden dann als Brandlöscher eingesetzt, meist dann, wenn die Kacke schon brennt.

Hier mal einiges aus dem Nähkästchen.

  • Arbeítsaufwand

Fall 1: Eine Fachkraft ist im Spätdienst für 18 Bewohner zuständig. Sie muss nicht nur pflegen, Medikamente stellen und verabreichen, sondern auch Essen vorbereiten, Tee kochen, Essen anreichen, die Küche aufräumen und alle 18 Bewohner für die Nacht vorbereiten. Sie muss lagern, Vorlagen wechseln, bei manchen Bewohnern auf die Trinkmenge achten, Toilettengänge durchführen, Angehörigengespräche führen, Bewohner in Rollstühlen am Abend ins Bett mobilisieren und frisch machen usw. Ihr zur Seite steht eine Pflegehelferin, die „eigenständig“ weitere acht Bewohner in einem anderen Wohnbereich versorgt und selbständig dort die Medikamente reicht. Das heißt, dass ganze zwei Personen rund 26 Bewohner versorgen, mit allem, was dazu gehört.

Der Arbeitsdruck ist in dieser Einrichtung so enorm, dass es kaum eine Fachkraft schafft, im Spätdienst eine Pause zu machen, geschweige denn pünktlich am Abend das Haus zu verlassen. Überstunden sind da die Regel. Ob diese vergütet werden, weiß ich nicht. Danach habe ich nicht gefragt, da ich meinen Stundenzettel habe, der die realen Arbeitszeiten festhält. Aber es ist in dieser Einrichtung nicht möglich, bei Bettlägrigen eine basale Stimulation durchzuführen bzw. sanfte Bewegungen zum Lagewechsel durchzuführen.

Das Personal läuft in dieser Einrichtung auf dem Zahnfleisch. Die Krankenquote ist entsprechend hoch, weshalb wir gerufen werden, um wenigstens die schlimmsten Situationen abzufedern. Nur, auch wir achten auf die Arbeitsbedingungen und können, als Zeitarbeiter, hier schon unsere Meinung gegenüber der PDL äußern, nämlich, dass in der Einrichtung schon längst gefährliche Pflege stattfindet. Schon lange hatte ich nämlich nicht mehr so viele Dekubiti und Hämatome an ungewöhnlichen Stellen vorgefunden wie da. Oder wie sonst lassen sich ringförmige Blutergüsse um die Fußfesseln bei einer paralysierten Bettlägerigen erklären?

Fall 2: Eine Auszubildende im 3. Jahr hat sechs Personen zu versorgen, alleine. Dazu macht sie noch den Küchendienst (Kaffee und Abendessen). Eine Anleitung findet nie statt, denn es gibt keine Praxisanleiterin. Diese Funktion wird von der WBL übernommen, die aber aufgrund des eigenen Arbeitsaufwands keine Zeit dafür hat. Die Auszubildende wird als volle Kraft im Dienstplan geführt. Nicht mit 0.5-Stellenanteil, sondern als eine 100 prozentige 1,0er Stelle. Das Pflegewissen, das sie braucht, erfragt sie sich bei ehemaligen Kollegen oder sucht im Internet danach. Ihr Glück war das Krankenhauspraktikum auf einer Schlaganfallstation eines Krankenhauses in Pösemuckel. Dort hatte sie die Möglichkeit, fachkundigen und engagierten Pflegekräften und Physiotherapeuten über die Schulter zu schauen und sich von ihnen in der eigenen Arbeit korrigieren zu lassen.

Fall 3: Eine Auszubildende fährt zusammen mit einer Praktikantin Touren, in denen Behandlungspflege gemacht werden muss. Behandlungspflege hier bedeutet nicht, Kompressionsstrümpfe anzuziehen, sondern Verbände zu legen, PEG zu versorgen usw. Eine Praxisanleiterin wird ihr nicht zur Seite gestellt. Ist mal keine Praktikantin anwesend, fährt sie die Touren alleine.

Sie fühlt sich ausgenutzt und nicht unterstützt, da sie in wenigen Wochen ihre Prüfung hat. Ihre Proteste werden abgewiegelt und mit lauen Zusagen beiseite gewischt.  Sie ist frustriert. Und das schon in der Ausbildung. wohlwissend, dass es nicht besser werden wird. Sie überlegt schon jetzt, was sie nach ihrem Examen  machen soll. Die Pflege ist ihr doch sehr vermiest worden.

  • Bezahlung

Die Bezahlung von Altenpflegern unterscheidet sich massiv von denen der Kranken- und Gesundheitspflegern. Manche sprechen von bis zu 30%. Aber das ist noch nicht alles. Es gibt sogar erhebliche Gehaltsunterschiede hier in Deutschland, von Nord nach Süd und von Ost nach West.

In Bayern und Baden-Württemberg wird noch am besten bezahlt, aber dann wird es mager. Am schlimmsten scheint es wohl um die Bezahlung von Kollegen im ambulanten Dienst im Osten zu sein. 1.900 Euro brutto auf einer 100% Stelle. Nicht bezahlte Teildienste und Tourenübernahme sind dort die Regel. Auch für ausgebildete Kranken- und Gesundheitspfleger, die in den ambulanten Dienst gegangen sind – mangels (entssprechender Angebote aus) Krankenhäuseren.

Das Gehalt, das wir Altenpfleger bekommen, deckt nicht den Aufwand ab, den wir investieren. Es ist zuwenig zum Leben und zuviel zum Sterben! Denn es gibt keine Untergrenze, wieviel wir bekommen müssten.

Und dank dieses niedrigen Gehaltes werden wir Pflegekräfte die künftigen Armutsrentner werden. Mein Rentenanspruch beläuft sich zur Zeit auf 847 Euro, wenn ich im Alter von 67 aus der Arbeit gehe. Eine Arbeit, bei der ich mich um Pflegebedürftige gekümmert und dabei meine Nerven und Knochen ruiniert habe.

  • Dienstplan und Arbeitszeit

Die Arbeitszeit ist neben den oben genannten Punkten das NO-GO-Argument überhaupt. Jeder von uns muss zwischen 38 und 40 Stunden pro Woche arbeiten. Das hört sich nicht schlimm an, aber nun wird es perfide:

Die Arbeitszeiten pro Arbeitstag betragen maximal für die Tagschichten 7.5 Stunden. Ich weiß nur von einer Kollegin, dass sie reguläre 8h-Tage (netto) hat. Von einer Einrichtung, die von der Diakonie betrieben wird, hieß es mir gegenüber, dass man nur 6h-Schichten anbieten könne. Das bedeutet, dass die monatlichen freien Tage sich auf vier reduzieren, um auf die Arbeitszeit zu kommen. Also hätte ich beinahe  jeden Tag im Monat arbeiten müssen, um auf meine Stundenzahl zu kommen.

Nun aber zum Dienstplan. In meinem ersten Leben war ich eine ganz reguläre Bürokraft. Meine Arbeitszeit war von 8:30 bis 17 Uhr, freitags von 8:30 bis 15 Uhr. Wochenende, Feiertage und Brauchtumsfeste waren per se frei. So konnte ich also meinen (Kurz-)Urlaub  mit oder ohne Brückentage planen, und das Monate im Voraus. Hobbies und Sport war gesichert, da ich wusste, dass ich abends immer spätestens gegen 20 Uhr zuhause war.

In der Pflege ist es ganz anders. Und das gilt sowohl für die Kollegen in Kliniken wie auch in Pflegeeinrichtungen. Hier werden die Dienstpläne immer nur von einem Monat auf den nächsten publiziert. Das erfordert von allen Betroffenen eine größtmögliche Flexibilität. Denn regelmäßige Unternehmungen sind kaum möglich. Keiner weiß, was er oder sie z.B. mittwochs Dienst hat. Oder an welchem Wochenende er/sie frei hat.

Der Grund dafür ist meiner Meinung nach, dass mit der minimalen Quote an Personal gerechnet wird. Und dass deshalb Ausfälle durch Urlaub und Krankheit vom Restpersonal abgedeckt werden muss.

Ich habe selten so viele zerrüttete Beziehungen erlebt wie unter meinen Kollegen. Die allermeisten leben alleine oder sind geschieden. Grund dafür war und ist die wenige Zeit, die für eine Beziehungspflege fehlt. Daran zerbrechen die Beziehungen und die Menschen.

 

Würde mich heute ein Jugendlicher fragen, ob er oder sie in die Pflege soll, wäre meine Antwort ein klares „NEIN! AUF KEINEN FALL!„. Und ich könnte es sogar begründen, sachlich rational und aufgrund von Fakten. Und ein Fakt ist, dass wir Pflegekräfte kaum eine aktive Unterstützung erhalten, weder von der Politik noch von der Gesellschaft. Von „Heldentum“ oder einem lauten „Danke“ können wir nicht leben.

Ganz ehrlich: Ich fürchte mich vorm alt werden. Und sollte ich eines Tages kurz vor der Pflegebedürftigkeit sein, werde ich mich umbringen. Die Kenntnis habe ich. Aber so will ich später als Pflegefall nicht leben wollen, nicht heute und noch weniger in der Zukunft.

Wer mir widersprechen möchte, darf es gerne tun. Entweder hier als Kommentar oder aber auf Twitter.

In diesem Sinne

Eure

Frau Sofa

2 Kommentare zu „Es mangelt an Vielem!

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