Neue Idee: Kopfprämien!

„Schwester Stephanie“ postete vorhin auf Twitter einen Link zu einer Meldung eines regionalen Nachrichtenmagazin aus dem Raum Kassel.

In dieser Meldung heißt es u.a.:

Heimische Unternehmen der Gesundheitsbranche müssen eventuell tief in die Tasche greifen, wollen sie qualifiziertes Personal. Gesundheits- und Krankenpfleger sind auf dem heimischen Arbeitsmarkt kaum zu finden, weiß die Agentur für Arbeit Korbach.

Diese große Sorge belaste die regionalen Unternehmen gleichermaßen. Darum hat die Arbeitsagentur 35 interessierten Branchenvertretern das „Triple Win“ Projekt nahegelegt. 4.000 Euro „Kopfprämie“ sind dabei für Fachkräfte im Gesundheitsbereich und deren Vermittlung üblich, wenn diese aus dem Ausland rekrutiert werden. Unter der Regie der Arbeitsagentur und der GmbH „Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit“ werden aktuell Fachkräfte aus dem Ausland angeworben. In den vergangenen vier Jahren fanden demnach rund 1.200 Pflegekräfte aus Slowenien, Bosnien-Herzegowina und den Philippinen den Weg nach Deutschland, berichteten Alexandra Lewerth-Khumalo und Luise Müller von Triple Win.

Über Triple Win heißt es auf den Seiten der Arbeitsagentur:

Im Projekt Triple Win gewinnen die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) qualifizierte Pflegefachkräfte aus Serbien, Bosnien-Herzegowina und den Philippinen für Einrichtungen der Kranken- und Altenpflege und tragen damit erfolgreich zur Fachkräftesicherung in der Pflege bei.

Am liebsten möchte ich jetzt losschreien und vor Wut nur noch Beleidigungen vom Stapel lassen, aber ich weiß, dass das kontraproduktiv ist. Sachlichkeit bzw. rationale Argumente sind hier die einzige Waffe, die wir Betroffenen nun benutzen müssen.

Und es gibt so einige Gründe, weshalb wir Pflege(fach)kräfte nun aufstehen und uns wehren müssen. Denn diese Praxis führt zu einer Verschlechterung der Pflege, garantiert.

Die nachhaltig orientierte und faire Gewinnung von Pflegefachkräften über das Projekt Triple Win erfolgt ausschließlich in Staaten, die einen Überschuss an gut ausgebildeten Pflegekräften aufweisen. Auf diese Weise werden die Arbeitsmärkte der Herkunftsländer entlastet, die Menschen profitieren von einer neuen beruflichen Perspektive und tragen zur Deckung des wachsenden Bedarfs an qualifiziertem Pflegepersonal in Deutschland bei. Ein Gewinn für alle Seiten.

Diese Maßnahme seitens der Arbeitsagentur ist nach meinem Dafürhalten in mehreren Punkten  nicht nur menschenverachtend sondern birgt auch ein großes Potential an gefährlicher Pflege in sich, besonders wenn es um ausländische Fachkräfte für Altenheime geht.

Ich versuche jetzt mal kurz und prägnant meine Position gegen diese Maßnahme  zu formulieren. Ob es mir gelingt, dabei sachlich zu bleiben, weiß ich nicht. Es könnte sein, dass ich die Fassung verliere und los poltere. Mal abwarten…

Gegenargument 1: Lohndumping und Gewinnmaximierung

Es werden Fachkräfte aus Ländern rekrutiert, in denen das Durchschnittseinkommen (noch) wesentlich niedriger ist als hier in Deutschland. In Serbien zum Beispiel bezifferte sich 2011 das Durchschnittseinkommen auf ca. 431 $ monatlich. Zahlen, die nachdenklich machen.

Dass die Vermutung des Lohndumpings gar nicht so abwegig ist, lässt sich hier nachlesen. Unter der Überschrift „Leistungsgerechte Bezahlung“ auf den Seiten des Gelsenkirchener ambulanten Dienstes APD steht nämlich:

Selbstverständlich ist für den APD-Geschäftsführer in diesem Zusammenhang die leistungsgerechte Entlohnung der Neu-APDler: „Bei uns gilt der Grundsatz: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Bezahlt wird nach den Empfehlungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Das Monatsgehalt einer Pflegefachkraft aus Serbien beträgt 1.950 Euro brutto plus Zulagen.“

Bei dem Arbeitsaufwand im ambulanten Dienst ein Gehalt, das jede Pflegefachkraft hier wütend werden lassen sollte. 1.950 Euro brutto plus Zulagen? Das ist eine Frechheit, eine Beleidigung und zeigt, wie wir Pflegefachkräfte von Pflegeanbietern ausgebeutet und (sorry) verarscht werden!

Ich weiß jetzt nicht, wie hoch die Zahl der ausländischen neuen Kräfte ist, die dadurch geworben werden konnten, aber ich ahne, dass mit deren Präsenz uns Pflegefachkräften, die für bessere Arbeitsbedingungen und Gehälter kämpfen, der Boden unter den Füßen entzogen werden soll. Gehaltsverhandlungen in Einstellungsgesprächen werden sich somit schwieriger für uns gestalten. Denn mit diesen neuen Kräften werden wir erpressbar sein.

In diesem Zusammenhang erlaube ich mir, auf einen älteren Artikel zu verweisen, der das Verhalten der Privaten Anbieter erklärt und in ein entsprechendes Licht rücken lässt!

Gegenargument 2: Sprache sprechen? Okay! Indirekte Botschaften verstehen? Nein!

Es gibt einen Begriff aus der Kulturwissenschaft, der sich „kollektives und kommunikatives Gedächtnis“ nennt. Kurzfristig angeworbene ausländische Fachkräfte können nicht auf dieses Wissen zurück greifen. Das ist gar nicht möglich, da sie in einem ganz anderen Kulturraum aufgewachsen sind. Sie wissen nicht, wie das Leben der Alten war, da sie nie davon gehört haben.

Gut, jetzt könnte man einwenden, dass auch viele Altenpfleger heute sich gar nicht mit unserer Vergangenheit bzw. Geschichte auseinander setzen. Bei dem Bildungsniveau, dass man manchmal antrifft. Adenauer? War der nicht mal Außenminister? Wischnewski? Häää? usw pp.

Aber dennoch, selbst diese Kräfte erlebten in ihrer Erziehung und familiären Umgebung indirekt Muster, die sich in der Vergangenheit ergeben hatten und das Verhalten in der Familie prägt. Beispiele: Weihnachtsfest und seine Vorbereitungen; Ostern; Tag der Deutschen Einheit…. Es sind die Emotionen und Verhaltensmuster, auf die wir in unserer Pflege zurückgreifen können und zu berücksichtigen wissen, wenn ein mobiler Mensch wieder mal  nicht über Weihnachten mit der Familie zusammen sein wird. Und dieses Manko sehe ich als psychische Gefahr für die uns Anvertrauten.

Gegenargument 3: die deutsche Sprache

Für die erfolgreiche Anstellung aus dem Ausland muss der Bewerber unsere Sprache auf dem B2-Niveau beherrschen. Das heißt, dass sie sich verhältnismäßig gut mit den Senioren unterhalten können. Aber sie werden sie nicht immer verstehen, da manche Äußerungen indirekt stattfinden. Aus diesem Grund werden sie auch nicht in der Lage sein, Pflegeplanungen zu verstehen bzw. zu schreiben. Und die Einträge in den Berichtsblättern werden zu weiterem Rätselraten führen, so nach dem Motto: „Was will uns der Schreiber damit sagen?“

Kurz etwas aus eigener Erfahrung: In einer Einrichtung wurde eine neue Fachkraft eingestellt, die aus einem Land aus dem Nahen Osten kam. Da ich jahrelang mit einem Landsmann von ihr leiiert war, kannte ich noch einige wesentliche Begriffe und Sätze aus ihrem Land. Sehr oft rief ich ihr ein „Nakon!“ zu, was „Tu es nicht!“ bedeutet. Diese Fachkraft war in der Lage, Pflegeplanungen rudimentär zu lesen, aber nicht zu verstehen. So passierte es, (wurde mir später erzählt), dass sie für den Tod eines Menschen verantwortlich war, indem sie einem Nichtdiabetiker 40 i.E. Insulin spritzte. (Ob das aber stimmt, weiß ich nicht. Ich weiß es nur vom Hören-Sagen)

Was mich wirklich in Rage bringt:

Anstatt die Situation der Pflegekräfte hier in Deutschland zu verbessern, wird unter dem Aspekt der Gewinnmaximierung und Gewinnabschöpfung ein Lohndumping betrieben, das zulasten der zu Pflegenden wie auch der Pflegekräfte geht. Es wird – wohl bewusst – nicht die von mir schon in einem anderen Beitrag angesprochenen Punkte optimiert, um hiesige Kräfte zu halten und nicht weiter ins #Pflexit zu treiben.

Durch das Engagement der Arbeitsagentur und der Pflegeanbieter, die den Service in Anspruch nehmen, fühle ich mich als Altenpflegerin regelrecht verarscht! Sie zeigen mir, dass ich am untersten Ende der Gesellschaft stehe und meine Arbeit nicht respektiert wird.

Meine Arbeit besteht nicht allein darin, was sicherlich in der Öffentlichkeit von vielen Teilen noch gedacht wird,  Ärsche abzuwischen und Essen zu reichen. Meine Arbeit – wie auch die meiner Kollegen – besteht darin, den alten Menschen in unseren Einrichtungen einen l(i)ebenswerten Lebensabend zu bereiten, ihnen in der Stunde des Abschiedes beiseite zu stehen und ihre Anvertraute vor Ort zu sein.

Diese Aktion „Triple Win“ ist für mich nur ein weiterer Tropfen auf den heißen Stein, auf meinem Weg ins #Pflexit.

Sollte jemand von Euch in diesen Punkten anderer Ansicht sein, dann möge er oder sie mir hier über das Kommentarfeld oder auf Twitter gerne widersprechen.

In diesem Sinne

Eure

Frau Sofa

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