Geringschätzung in der Sprache

Gerade eben fand auf Twitter eine rege Unterhaltung über #Pflege  und die Aufgaben von Pflege(fach)kräften in Altenheimen statt. In diesem Zusammenhang erwähnte jemand die Begriffe „füttern“ und „waschen“ der Senioren. Es fehlte mir nur noch: „Po abwischen“ und „windeln“.

Für mich zeigt die Verwendung dieser Begrifflichkeiten eine zweifache Despektierlichkeit. Zum einen gegenüber den Pflege(fach)kräften in der Altenpflege und zum anderen gegenüber den Senioren, die von uns versorgt werden. Und das macht mich richtig sauer.

  • Despektierlichkeit gegenüber den Pflege(fach)kräften

Mit diesen Begriffen, die eigentlich in ganz anderen Zusammenhängen benutzt werden, wird ziemlich deutlich klar, wie unsere Arbeit gesehen wird.

Nein, wir waschen nicht, wir stimulieren während der Grundpflege basal, motivieren zu und fordern Ressourcen ein und  wir führen während der Pflege diverse Prophylaxen durch. Wir massieren und lassen den Bettlägrigen so seine Körpergrenzen spüren, die er verloren hat. Das, was wir während der Pflege tun, hat mit „waschen“ rein gar nichts zu tun!

Und nein, wir windeln nicht. Wir legen Vorlagen, die etwas größer sind als die Vorlagen, die Frauen während ihrer Menstruation verwenden. Oder sagen diese Frauen dann auch, dass sie Windeln tragen? Gut, des öfteren legen wir unseren Anvertrauten auch geschlossene Systeme an, die wir aber niemals als Windeln bezeichnen.

Nein! Wir füttern nicht. Gefüttert werden Schweine! Aber  keine Menschen, die ihr ganzes Leben lang für die Gesellschaft gearbeitet haben. Die mitgeholfen haben, unsere Republik mit aufzubauen. Diese Menschen werden nicht gefüttert, nur weil sie nicht  mehr wissen, wie man das Besteck hält oder keine Kraft mehr haben, die Gabel zum Mund zu führen. Wir helfen ihnen bei der Nahrungsaufnahme, reichen Essen an. Wir achten dabei auf eventuelle Schluckstörungen. Liegt eine vor, dann wenden wir bestimmte Techniken an, die diesen Menschen dabei helfen, die Nahrung aufzunehmen und zu schlucken.

Und nein! Wir wischen keine Ärsche ab. Das ist ein Satz, den ich schon zur Genüge gehört habe. Wir machen die Menschen, die alters- oder krankheitsbedingt die Kontrolle über ihren Sphinkter verloren haben, sauber; sorgen so dafür, dass sie sich wieder sauber und somit wohl fühlen. Wir machen die Tätigkeit, die die Person aufgrund einer Einschränkung nicht mehr selbst ausführen kann. Wir tragen so massiv zu einem Wohlfühl-Gefühl bei. Bei einem Menschen, der sich selbst nicht mehr pflegen kann. Dabei greifen wir in die intimsten Bereiche ein. Labien, Vorhäute, Schließmuskel… wir kennen alle Varianten. Und während wir pflegen, gehen wir respektvoll vor. Weil es unser eigener Anspruch ist, eines Tages auch so versorgt zu werden.

Und sollte sich jetzt jemand über den Begriff „Ärsche“ aufregen, muss ich leider sagen, dass dieser Ausdruck mir gegenüber in diesem Zusammenhang einfach zu oft verwendet wurde.

Die Verwendung dieser Begriffe, wie eben aufgelistet, zeigt, wie große Teile unserer Gesellschaft unsere Arbeit sehen.

Es macht mich wirklich wütend, wenn wir über diese Begrifflichkeiten in unserer Arbeit abgewertet werden. Eine große Mitschuld gebe ich hier auch der Politik und ihrem Verhalten uns Altenpflegern gegenüber. Mein Gefühl ist  nämlich, dass wir Altenpfleger als ein notwendiges Übel in einer Krisensituation gesehen werden. Wir werden nicht respektiert, geschweige denn, entsprechend geachtet. Und wenn ich dann lese, dass für Langzeitarbeitslose die Tätigkeit in der Pflege eine gute Lösung ist…, dann wird mir wirklich schlecht. Dass wir aber auch Sterbebegleitung machen, palliativ begleiten und Seelsorger, Freund, Bruder, Schwester, Mutter, Vater…. sind, gehört noch mehr zu unserer Tätigkeit als „Ärsche abwischen“ und „windeln“ und „füttern“.

  • Despektierlichkeit gegenüber den Senioren

„Füttern“, „windeln“, „waschen“… das sind einige der Begriffe, die gerne in der allgemeinen Öffentlichkeit verwendet werden, wenn es um die Tätigkeit in der Altenpflege geht. Ob die Menschen, die diese Wörter verwenden, wenn sie über Altenpflege sprechen, darüber im Klaren sind, dass sie damit auch die zu pflegenden Personen ansprechen?

Das Klientel, mit dem wir es in unserer alltäglichen Arbeit zu tun haben, spiegeln das gesellschaftliche Spektrum wider. Wir haben es mit ehemaligen Trümmerfrauen zu tun, mit Menschen, die ihr ganzes Leben ihren Beitrag für unsere Gesellschaft beigetragen haben, mit Frauen, die nach dem Krieg vergewaltigt wurden und Menschen, die einfach nur lebten, egal wo.

Diese Menschen verdienen es nicht, dass man sie „füttert“, „windelt“ oder „wäscht“. Sie haben es verdient, mit Respekt behandelt zu werden. Das gilt für Herrn von und zu genauso wie für den ehemaligen Straßennormaden, der nun am Korsakov leidet.

Diese Menschen haben, wenn man der Biografie folgt, ein Leben gehabt, das es nicht zu verurteilen gilt. Im Alter sind alle Menschen gleich, auch wenn es einige gibt, die aufgrund ihres Vermögens gleicher sind als die anderen.  Sie alle werden, wenn sie bei uns sind, auch (hoffentlich) bei uns sterben. Und diese Sicherheit erhalten sie von uns.

Gebrechlichkeit oder aber Multimorbidität interessieren den Reichtum des Betroffenen nicht, sie sind die Begleiter des Alters. Und das Alter sucht deshalb Hilfe, die aber nicht nur aus „füttern“, „windeln“ und „waschen“ besteht.

Wir Altenpfleger geben diesen Menschen, die unsere Einrichtungen niemals mehr lebend verlassen werden, eine Geborgenheit (wenn die Heimleitung bzw. der Betreiber uns die Gelegenheit dazu gibt) und Sicherheit. Sie erwarten zu Recht von uns Respekt und die Fähigkeit, von jetzt auf gleich von einem Charakter auf den nächsten umzuschalten.

Nun meine Bitte an Dich als Leser: überlege bitte mal deinen Sprachgebrauch, wenn du über die Altenpflege sprichst. Und stell dir vor, du wärst in einer Situation, in der du uns brauchst. Magst du es dann, wenn man über „füttern“, „waschen“ und „windeln“ spricht, wenn man dich meint?

Willst du mir widersprechen? Dann tu es  bitte hier in den Kommentaren oder aber auf Twitter, wo du mich finden wirst.

In diesem Sinne

Eure

Frau Sofa

P.S.: Genauso absurd ist es, wenn von „Blutverdünnern“ gesprochen wird, wenn Macumar oder ASS oder so gemeint sind. Es sind Gerinnungshemmer! Es gibt nur einen Blutverdünner: das Wasser!

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2 Kommentare zu „Geringschätzung in der Sprache

  1. Hallo Frau Sofa, ich möchte dich irgendwann persönlich kennen lernen, ich bin Altenpflegerin a.D., aus körperlich gesundheitlichen Gründen habe ich den #Plexit machen müssen.
    Deine Worte gehen runter wie Oel.

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