Keine Chance

Seit etwa zwei Wochen arbeite ich in einer Senioreneinrichtung am Rande von Hosenbüttel. Hosenbüttel ist die nächst größere Stadt in unserer Umgebung. Groß ist die Einrichtung nicht. Aber die Bewohnerzahl reicht, um uns Pflegekräfte nervlich und körperlich fertig zu machen.

In der Wohngruppe, in der ich eingesetzt bin, lebt eine Frau mit offenen Beinen. Die Beine sind geschwollen, hart und verhornt. Sie „suppen“ und  – die Wunden sind mit dem MRSA besiedelt. Diese Frau ist um die 70 Jahre alt und wird tagtäglich von ihrem Ehemann besucht, der sich rührend um sie kümmert.

Wie erwähnt, die Wunden sind infiziert. Tagtäglich müssen wir Fachkräfte „ran“ und die Wunden reinigen und neu verbinden, laut der ärztlichen Anorndung. Um uns zu schützen, stellt der Betreiber des Hauses uns Mundschutzmasken zur Verfügung, dazu Besucherkittel und einfache Vinylhandschuhe.

Hannelore, die darauf besteht, von uns allen mit „Lotte“ angeredet und geduzt zu werden, leidet. Sie leidet daran, dass das Wundsekret besonders in der Nacht aus ihren Beinen fließt. Sie leidet darunter, dass wir ihre Beine immer mehrfach unter Zug wickeln müssen. Sie leidet am Geruch, der von ihren Beinen kommt.

Und wir leiden darunter, dass wir sie mit diesen einfachen Schutzmaßnahmen versorgen müssen. Besonders kritisch wird es, wenn wir Fachkräfte die Hautschuppen entfernen, ihr Bett sauber machen und uns in ihrer Wohnung bewegen. Allein geschützt mit einem einfachen Mundschutz, der allerhöchstens dazu geeignet ist, Tröpfchen fernzuhalten, aber nicht die nano-µ großen infizierten Keime, die wir einatmen, während wir uns mit den viel zu großen Besucherkitteln im Raum bewegen oder Lotte das Bett frisch beziehen und

Flächendesinfektion wird mit einer 0,5%-Incidin-Lösung gemacht. Es ist u.a. unsere Aufgabe, damit den Fußboden, auf den das Sekret, das auch aus den infizierten Wunden auf den Boden tropft, aufzuwischen. Die Endreinigung wird vom Reinigungspersonal mit normalem Reinigungsmittel vorgenommen.

Mein Hinweis auf die geltenden Empfehlungen des RKI wurde mit dem Argument hinweg gewischt, dass wir doch die Kontaktflächen reinigen.

Der MRSA hüpft nicht durch den Raum. Aber wenn Hautschuppen oder aber getrocknetes Sekret durch den Raum gewirbelt wird, dann wird es für alle kritisch. Und noch kritischer ist der Zeitdruck, unter dem wir Fachkräfte Lotte versorgen. Geht alles gut, benötigen wir etwa eine Stunde, bis beide Beine von ihr versorgt werden. Hat Lotte aber Schmerzen und kann sich kaum selbst bewegen, dann benötigen wir sogar länger. Und während wir Lotte versorgen, rennt „draußen“ eine erfahrene Helferin von einem Bewohner zum nächsten… alleine für die restlichen 27 Menschen, die in dem Wohnbereich leben

Nach der Wundversorgung wird Lotte von uns mit Hilfe der Sara 3000 in ihren elektrischen Rollstuhl mobilisiert. Und damit fährt sie dann über den undesinfizierten Boden in den öffentlichen Bereich. Und die Sara wird desinfiziert (aber nicht an den Rädern) und ins gemeinsame große Wellnessbadezimmer geschoben.

Für mich ein unhaltsamer Zustand. Unhygienisch und höchst gefährlich, wenn es um die Verbreitung des MRSA geht. Da der Personalmangel extrem in der Einrichtung ist, wir alle unter einem ungemein großen Zeitdruck arbeiten, ist das für mich eine der Gefahrenquellen, wie sich das Bakterium weiter ausbreiten kann.

Aufgrund des Personalmangels haben wir einfach nicht die Zeit, bei Lotte täglichmehr als gründliche Desinfektionen vorzunehmen. Denn während wir bei Lotte sind, müssen wir auf Notklingeln reagieren und müssten schon längst Insuline spritzen und die Medikamente verteilen.

Dummerweise sind wir „nur“ Altenpfleger. Das politische Interesse ist, bis auf das der PIRATEN, eigentlich gar nicht an unserem Berufsstand und an unserem Klientel interessiert. Denn wir kümmern uns um die Menschen, die früher mal aktiv am Aufbau unserer Gesellschaft mitgewirkt haben, aber heute keinen Nutzen mehr für die Volkswirtschaft haben. Manchmal habe ich wirklich den Eindruck, dass wir allein dazu dienen, den Heuschrecken der Altenheimbetreibern noch mehr Profit in die Taschen zu jagen. Zu sehen an den einfachen Schutzmaßnahmen, die uns zur Verfügung gestellt werden, wenn wir infizierte Menschen versorgen.

Wie sieht es bei Euch aus, wenn Ihr einen an ESBL oder MRSA erkrankten Menschen behandelt? Welche Schutzmaßnahmen stehen Euch zur Verfügung?

Lasst es mich wissen – sei es hier als Kommentar oder auf Twitter.

In diesem Sinne

Eure

Frau Sofa

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5 Kommentare zu „Keine Chance

Gib deinen ab

  1. Tjaaa, aseptisch arbeiten in Altenheimen ist nicht möglich. Während der Ausbildung haben wir gelernt sterile Wundversorgung plus Verbände anzulegen, sogar bei einem Eingang für die Sondenernährung ( PEG). Sterile Wundversorgung bedeutet ein Steripack zu haben, und Zeit, die braucht die Pflegekraft nämlich. Steripacks stellten zu meiner Zeit aber werder Ärzte noch das Altenheim zur Verfügung. Auf Nachfrage bei Ärzten, bekam ich immer die Antwort: “ Zu teuer“. Und auf Nachfrage bei der Pflegedienstleitung, bekam ich die gleiche Antwort.
    Das war für mich sehr gewöhnungsbedürftig, also unprofessionell zu arbeiten.
    Einen Patienten mit MRSA zu pflegen braucht auch Zeit, und die hat das Personal nicht. Also alles husch husch, und dann werden die Keime weiter getragen.
    Vor ein paar Jahren hatten wir vermehrt Patienten die unter einem MRSA Keim litten.
    Es wurde von der Heimleitung sogar ein Hautarzt beschuldigt, dann hat man uns, das Pflegepersonal unter die Lupe genommen. Jede Pflegekraft wurde auf MRSA getestet.
    Und eine Kollegin hatte ihn, wahrscheinlich bei der Pflege der MRSA Patienten eingefangen.
    Sie hatte den Keim in den Händen. Nach Krankenhausaufenthalten und Reha der Kollegin bekam die Medizin den MRSA Keim bei ihr nicht saniert.
    Sie kam trotzdem wieder zurück in die Einrichtung.
    Nun mußte der Arbeitgeber, hier die Caritas, heraus finden in welchem Bereich die Kollegin noch arbeiten kann.
    Am Bewohner nicht.
    Sie wurde eine Art Dokumentationsassistentin.
    Die Kollegin bekam aber kein Büro, weil Räumlichkeiten fehlten.
    Und jetzt der Hammer: Sie bekam einen Tisch und einen Stuhl in das Zimmer für Verstorbene gestellt, und arbeitete dort noch ein paar Monate. Dann war sie seelisch am Ende.
    Den studierten Fachleuten und Leitungen in der Pflege ist es vollkommen egal, ob Pflegekräfte sich an diesen Patienten anstecken und für ihr Leben lang gezeichnet sein könnten.
    Hier fehlt die Ethik und Empathie, sowie das professionelle Umgehen mit multiressistenten Keimen im Altenpflegebereich.
    Das macht veiele Pflegekräfte fertig und dann kommt es zum „Pflexit“, bedeutet ich verlasse den Pflegeberuf. Er macht krank, krank weil nicht genügend Personal in den Einrichtungen der Altenpflege vorgehalten wird.
    Er macht krank weil das Fachpflegepersonal nicht proffessionell arbeiten kann und darf.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich weigere mich, und das kann ich als Leasing-Kraft, bei einem Caritas-Unternehmen zu arbeiten, da ich schon zwei mehr als unangenehme Erfahrungen mit dieser Organisation gemacht habe.
      Neben den „privaten“ Einrichtungen stechen für mich besonders die meisten katholischen Senioreneinrichtungen hervor. Die Caritas ist aber noch eine echte Wohltat, wenn man sie mit den Arbeitsbedingungen in den Einrichtungen vergleicht, die von einem bestimmten Nonnenkonvent betrieben wird. Was ich da erleben musste, war haarsträubend und menschenverachtend, besonders, was den Umgang mit dem Pflegepersonal anbelangte. Ich hatte in zwei Einrichtungen dieses Nonnenordens gearbeitet, Und für beide habe ich eine Sperre erhoben, was bedeutet, dass ich da niemals wieder eingesetzt werden will.

      Saleur, du zitierst einen Ausspruch von Ärzten, nämlich dem „das ist zu teuer!“. Diesen Spruch bekommt Lotte auch zu hören. Ihr Mann besorgt beinahe alle Salben (Eisen-Zink-Mischung), Ringerlösungen usw. selbst. Selbst die Zugbinden kauft er, weil er dafür keine Verordnung mehr erhält. Lotto hat, das habe ich inzwischen erfahren, mehr als acht Jahre den MRSA. Ärztlicherseits wurde ihr sogar empfohlen, sich die Unterschenkel amputieren zu lassen.

      Als ich das hörte, war ich fassungslos, während ich mit dem Incidin den Boden aufwischte. So konnte ich verhindern, dass Lotte meinen entsetzten Gesichtsausdruck sehen konnte.

      Gefällt 1 Person

  2. Als sogenannte Alltagshilfe (Betreuung von Senioren zu Hause, also Haushalt, einkaufen, je nach dem in welchem Bereich Unterstützung notwendig war), hatte ich ein Ehepaar zu versorgen. Der Ehemann war schwere Diabetiker, hatte beide Beine bis etwa zum Knie amputiert, war ebenso MSRA-infiziert und nahezu verhungert. Er hatte die höchste Pflegestufe, eigentlich sollte 24 h eine Fachkraft da sein, aber man begnügte sich damit, dass 2 x am Tag eine Lernschwester vorbeikam, die eine neue Kompresse auf offene Liegewunden geschmissen hat und wieder abgedampft ist. Das Ehepaar hatte einen erwachsenen Sohn, der immer noch zu Hause wohnte, sich aber für nichts zuständig fühlte. Das ging soweit, dass er verlangte, dass ich auch sein Zimmer sauber hielt, während er am PC spielte.
    Das Haus war mit Messiehaus noch wohlwollend umschrieben. Die Schutzkleidung für mich war sowohl minderwertig als auch unvollständig. Wenn ich täglich Schutzkleidung haben wollte, hatte ich selbst dafür zu sorgen. Das habe ich dann auch getan, aber es hat ziemlich viel meines „Lohnes“ (400 €-Basis) gekostet. Der Mann ist kurz nach meinem Arbeitsantritt auch gestorben. Es war grauenvoll mitanzusehen und ich machte mir Vorwürfe nicht sofort einen Notarzt gerufen zu haben. Damals war ich leider unerfahren. Meine vorherigen Kunden waren in deutlich besserem Zustand. 😦

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