Keine Chance (II)

Ihr erinnert Euch noch an Lotte? Hier hatte ich schon von ihr das erste Mal erzählt.

Vergangenen Freitag, meinem ersten Arbeitstag nach einigen wohlverdienten freien Tagen,  war Lottes Duschtag.

In der Einrichtung ist es so geregelt, dass jeder Bewohner und jede Bewohnerin einmal die Woche geduscht wird oder selbst duschen kann, wenn er/ sie es will. Nun ist es so, dass jedes Zimmer ein eigenes Bad hat, allerdings mit schmalen Türen und einer Badewanne – OHNE Einstiegshilfe. Da es aber keine Badewannenlifter gibt, und auch der Zugang zur Toilette so eng ist, dass da kein Rollstuhl durch passt, werden die Bewohner ALLE in einem Zentralbad geduscht. Auf die Details dieses „Duschbades“ werde ich aus Piätetsgründen nicht weiter eingehen, aber es ist wirklich gewöhnungsbedürftig.

Lotte hat an beiden Unterschenkeln Ulci (so ähnlich sehen sie an beiden Unterschenkeln u.a. aus, wobei das Bild noch harmlos ist). Nässend. Nass. Und ihre Ulci sind vom MRSA besiedelt. Das bedeutet, dass jegliches Sekret, das aus den Ulci kommt, auch diese Bakterien beinhaltet. Und sie ist austherapiert, dass heißt, sie wird den Mist nie wieder los.

Das Duschbad ist mit weißen Fliesen gekachelt. Die Fugen sind alle irgendwie grau-schwarz und zeugen von einer unzureichenden Reinigung.

Lotte freute sich schon aufs Duschen. Nachdem ich sie mit der Sara3000 in den Toilettenstuhl gehievt und mit ihrem Bademantel bedeckt hatte, fuhr ich sie ins Bad.  Die Wickel um ihre Unterschenkel ließ ich an. Im Bad angekommen, entfernte ich die Binden und Kompressen wie auch die Netzverbände und gab ihr die Duschbrause in die  Hand.

Ich beobachtete sie dabei, wie sie glücklich sich selbst abbrauste. Mit der Dusche über den Kopf, über die Schultern, über ihren Oberkörper, Bauch, Lende, Oberschenkel. Dabei hielt sie ihre Augen geschlossen und ihr Gesicht entspannte. Irgendwann reichte sie mir den Waschlappen, damit ich Duschseife darauf geben konnte.

Und Lotte seifte sich ein. Langsam, bedächtlig – genussvoll. Sie hat die Chance, sich nach einer Woche wieder um sich zu kümmern, sich zu pflegen. Ich lasse ihr die Zeit, die sie braucht.

Sie fährt über ihre Arne, um den Hals, über die Brüste, unter die Brüste, über den Bauch und unter die Bauchfalte  und so weiter.

Ohne Worte verstehen wir uns. Erst als sie mir den Waschlappen hinhält, nehme ich ihn und wasche ihr den Rücken und die Haare. Dann brause ich ihr den Rücken ab und reiche ihr die Brause, damit sie sich selbst entseifen kann. Und das macht sie auch. Mit dem gleichen genussvollen und entspannten Ausdruck im Gesicht.

Irgendwann signalisiert sie mir, dass sie jetzt für sich fertig ist und ich „weiter machen“ darf. Es geht nun um ihre Unterschenkel. Ich hole mir einen kleinen Sitzhocker aka Schemel und fange an, mit einem desinfizierenden Duschgel, das es auch als Hautdesinfektionsmittel gibt, die Unterschenkel abzuwaschen. Ich entfernte die verhornten Schuppen und wwasche die Wunden mit der antiseptischen Seite aus. Dafür habe ich pro Unterschenkel nur einen Waschlappen, da dies die letzten beiden auf den Wohnbereichen waren.

Manchmal schreit Lotte vor Schmerzen auf, weil ich an eine empfindsame Wunde kgekommen bin, aber bald haben wir es geschafft. Ich bin schweiß gebadet – unter meiner Schutzmontur. Der Schweiß steht nicht nur auf miner Stirn, er fließt Und er fließt auch in meine Augen. Sie brennen. Ebenso steht der Schweiß auf meinem Rücken und auf meiner Brust. Der Pseutoschutzkittel klebt auf meiner Haut und meine Hände schwimmen in den viel zu großen Handschuhen. Die muss ich tragen, weil keine Handschuhe in meiner Größe mehr da sind.

Lotte, alles klar? Fühlst du dich sauber?“ frage ich sie erschöpft. „Ja“ antwortet sie mit einer glücklichen Stimme. „Ja, ich fühle mich wieder sauber“.

Dann kommt das Prozedere: Abtrocknen, Unterschenkel „isolieren“ und ab ins Zimmer, um sie mit der Sara wieder auf ihr Bett zu setzen, von wo aus ich ihr die Ulci nach ÄO (ärztlicher Anordung) versorge. (Gerne hätte ich es etwas anders gemacht, aber mir sind durch die Gesetze die Hände gebunden!)

Endlich, nach zwei Stunden, sitzt Lotte, frisch geduscht, verbunden und angezogen in ihrem elektrischen Rollstuhl, um zum Mittagessen zu fahren.

Nach zwei Stunden habe ich es geschafft. Lotte ist geduscht, frisch angezogen, ihre Ulci versorgt und das Zimmer desinfiziert. Ihr Zimmer – nun gilt es für mich, noch die  Flächen im Bad zu desinfizieren, die mit ihren Sekreten aus den Unterschenkeln in Kontakt gekommen waren. Dazu gehört auch der Duschbereich.

Nur womit? Es gibt nix. Nur die Incidin getränkten Wischtücher der Flächendesinfektion. Mit heißem Wasser und einem Schrubber reinige ich also den Duschbereich, um ihn anschließend mit den Tüchern abzuwischen. Die Duschvorhänge kann ich nicht desinfizieren, ebenso wenig den die Duschfläche umgebenden Bereiche – wohl wissend, dass am Nachmittag nochmal zwei Bewohner geduscht werden.

Ihr könnt mich jetzt paranoid nennen. Aber bei dem Keim bin ich mehr als vorsichtig, besonders, wenn er sich in den Wunden – und wohl auch so im Sekret befindet, das die Wunden und die Unterschenkel absondern. Wenn ich ihren Körper abspüle, findet durch das Abduschen eine gewisse Vernebelung statt, über die wahrscheinlich das vermaledeite Bakterium im gesamten Raum verteilt. Und dieser Raum ist geschätzte 30qm groß und ca. 3m hoch.

So gern ich Lotte auch habe, aber ich halte sie für gänzlich verkehrt versorgt und „aufbewahrt“. Sie gehört für mich nicht in diese Einrichtung. Wir können sie nicht entsprechend versorgen. Und wir können aufgrund der baulichen Mängel nicht garantieren, dass sich andere ältere Bewohner in diesem Gemeinschaftsbad mit ihrem Keim anstecken. Und was noch schlimmer ist: wir haben keine ausreichenden Möglichkeiten, entsprechende Schutzmaßnahmen für uns vorzunehmen.

Das geht so nicht.

Wie wird es in Euren Einrichtungen gehandhabt. wenn Ihr einen Bewohner oder eine Bewohnerin habt, die mit MRSA infizierte Ulci an den Unterschenkeln hat? Habt Ihr Iso-Schleusen? WIe geht Ihr mit dem Geschirr und der Wäsche um? Kommt alles zu den anderen Sachen in die Waschmaschine/ Spülmaschine?

Sind Eure Reinigungskräfte entsprechend informiert? Wie reinigen sie die Flächen? Und wie geht das Servicepersonal mit dem Geschirr des Betroffenen um?

Lasst es mich bitte wissen. Sei es hier als Kommentar oder auf Twitter?

Ich bin gespannt auf Eure Reaktionen.

Eure

Frau Sofa

 

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: