Gewalt in der Pflege

Derzeitig scheint das mediale Hauptthema „Gewalt in der Pflege“ zu sein. Ein Thema, das jeden Pfleger irgendwann einmal auf die Füße fallen wird. Dabei ist Gewalt nicht nur körperlich, sondern auch verbal oder gar institutionell.

Und Gewalt wird nicht nur gegenüber den Anvertrauten in der Pflege ausgeübt, sondern auch gegenüber den Pflegekräften. Und auch die ist körperlich, verbal und institutionell. Das Schlimme daran ist aber, dass sich dann die Pflegekräfte fragen, ob sie es nicht selbst schuld waren oder sind. Ein Gefühl und ein Gedankengang, mit dem die Kräfte allein gelassen werden.

Auch ich war schon öfter Opfer und auch Zeuge von Gewalt in der Pflege. Hier einige Beispiele und die Reaktion meiner Kollegen darauf.

  • Geschleudert

In einer Einrichtung sollte ich, als Leasingkraft, einem Bewohner sein Essen auf dem Tablett in sein Zimmer bringen. Nachdem ich an seine Tür geklopft hatte, betrat ich sein Zimmer und sprach ihn an. Er schaute nur kurz auf und widmete sich dann wieder seinem Computer.

Ich stellte sein Essen auf den kleinen Tisch und ging zu ihm hin, dabei hatte ich eine Distanz von knapp 1m zu ihm. Auf einmal sprang er auf und stieß mich so stark, dass ich durch den Raum flog und an der Wand zum Liegen kam.  Verletzt hatte ich mich nicht, aber mir schmerzte die Stelle, die seinen Schlag abbekam.

Als ich das der Schichtleitung meldete, fragte sie mich, ob ich mich ihm genähert hätte, was ich bejahte. Das hätte ich nicht tun dürfen, denn es sei bekannt, dass er dann aggressiv wird. Ob man mir das nicht gesagt hätte? Ich verneinte das, worauf hin sie dann nur sagte, dass ich das ja jetzt wohl für die Zukunft wisse.

  • Ohrfeige

Ich sollte alleine eine bettlägrige demente Bewohnerin pflegen, sie waschen und frisch ankleiden. Als ich anfing sie zu waschen, lächelte sie mich an. Und sie sprach irgendetwas in einem sanften Ton, worauf ich mit Lächeln und Blicken antwortet. Auf einmal, ohne einen für mich erkennbaren Anlass, schlug sie mir mit der hohlen Hand aufs linke Ohr. Dieser Schlag kam unerwartet und heftig.

Ich schrie vor Schmerzen auf und hörte ein Ohrklingeln bester Güte. Sofort brach ich die Pflege ab und ging zur Kollegin, um das zu melden. Ihre Reaktion war ähnlich wie die in der obigen Geschichte. Ob ich es nicht gewusst hätte, ob man mir es nicht gesagt hätte, dass sie schlägt? Fragen, auf die ich nur mit einem „Nein“ antworten konnte.

Und dann gab sie mir einen Tipp, um die Pflege an der Frau halbwegs unverletzt zu überstehen, da diese nämlich auch arg kneifen und beißen würde. Ich solle sie mit ihrem Nachthemd fixieren, indem ich ihre Arme in das Hemd einwickel und die Enden unter ihrem Körper legen sollte.

  • Hand im Ausschnitt

Dieses Mal war die Situation etwas anders. In der Einrichtung wurde ich vor dem Mann gewarnt, der zu meiner Pflegegruppe gehören sollte. Er würde zu sexuellen Übergriffen neigen, weshalb ich mich ganz vorsichtig bei ihm bewegen sollte.

Er hatte einen Unterschenkel amputiert und benötigte Hilfe beim Anlegen seiner Prothese. Da er adipös war, konnte er das nicht selbst machen, also gehörte das zu unseren Aufgaben. Er war orientiert, also wusste genau, was er tat.  Und man hatte mich dieses Mal gewarnt.

Ich hatte ihm beim Aufstehen geholfen, und er saß auf der Bettkante. Um ihm dabei zu helfen, alleine aufzustehen, benötigte er seine Unterschenkelprothese, die ich ihm anlegen sollte. Nachdem ich mich vor ihm hingekniet hatte, um seinen Stumpf in die Prothese zu führen, fasste er mir in meinen Ausschnitt und presste meine Brüste. Dabei grinste er mich an.

Da ich zu dem Zeitpunkt noch Kampfsport ausübte, schlug ich ihm mit einem Befreiungsschlag beide Arme von mir weg. Er brüllte vor Schmerzen laut auf und schrie „Scheiße! Du Nutte!“. Aber bevor er richtig zuschlagen konnte, stand ich vor ihm und kündigte weitere körperliche Konsequenzen an, sollte er es auch  nur noch einmal wagen…

An seine Worte als Reaktion an meine Notwehr kann ich mich noch sehr gut erinnern. Sie haben sich, wie die Ohrfeige und das Schleudern durch den Raum, in mein Gehirn eingebrannt.

Es zeigte sich dann aber, dass ich von da an die einzige weibliche Person war, die ihm seine Prothese anziehen konnte, ohne einen Übergriff seinerseits befürchten zu müssen. Die Situation zwischen uns war geklärt.

  • Anordnung!

Diese Geschichte ist noch nicht all zu lang her, sie geschah vor einigen Wochen. Sie sitzt im Rollstuhl, und eines ihrer Hobbies ist ESSEN. Sie isst, was sie zwischen die Finger bekommt. Deshalb leidet sie auch ärztlich gesichert unter einem insulinpflichtigen Diabetes vom Typ II. Sie könnte ihre Beine und Arme bewegen, wenn sie es wollte. Aber sie ist der festen Überzeugung, dass sie für die Versorgung und Pflege zahlt und wir deshalb ihre Leibeigenen sind. Wenn ihr etwas nicht passt oder so läuft, wie sie es gerne hätte, beschwert sie sich bei der Einrichtungsleitung.

Ich hatte ihr ihre Einheiten gespritzt, damit sie zum Mittagessen „gehen“ konnte. Sie saß in ihrem Rollstuhl und sagte nur, „Fahren Sie mich zum Tisch!“ Ich erwiderte, dass ich noch zu anderen Bewohnern müsste, worauf ich zu hören bekam, dass ich ihren Anordnungen Folge zu leisten hätte!

Also schob ich sie auf den Flur und bat sie, nun selbstständig (was sie nämlich kann!) zum Fahrstuhl zu fahren, ich mich jetzt um andere Bewohner dringend kümmern müsste.

Während ich von Zimmer zu Zimmer raste, um die Bewohner vorm Essen zu spritzen, stand sie mit ihrem Rollstuhl an der Stelle, an die ich sie geschoben hatte. Fünf Minuten später beobachtete ich, wie sie selbstständig den Flur runter fuhr….

  • Anstellerei

Eine Kollegin fühlte sich von einem Bewohner bedroht.  Ich beobachtete, wie er ihr auf jeden Schritt folgte. Und das nicht nur an dem besagten Tag, sondern auch schon jeden Tag vorher, wenn sie Dienst hatte. Während der Schichtübergabe dann, der Einrichtungsleiter saß mit am Tisch, erzählte sie von ihren Ängsten wegen des Bewohners. Der Einrichtungsleiter hörte sich ihre Geschichte an und fing laut an zu lachen. Sie solle sich nun mal  nicht so anstellen. Das alles würde sie sich nur einbilden.

Aber ich hatte es auch beobachtet. Und als der Einrichtungsleiter ihr klar zu verstehen gab, dass sie eine Mimose sei, platzte mir der Kragen. Am nächsten Tag lag meine Kündigung auf dem Tisch

Nun genug dieser Auflistung von Vorkommnissen. Es könnten noch mehr sein, aber sie würden irgendwann den Leser langweilen.

Von meinen Kollegen weiß ich, dass meine Erlebnisse nicht einzigartig sind, sondern öfter passieren, als man hofft. Und tragisch an diesen Erlebnissen ist, dass die Schuld grundsätzlich erstmal bei der Pflegeperson gesucht wird, welche Fehlhandlungen sie vorgenommen hat.

Jede Pflegekraft, mich schließe ich hier nicht aus, sucht nach so einem Vorfall erst einmal die Schuld bei sich selbst. Sie zweifelt an ihren Fähigkeiten, was sogar von Berufskollegen gefördert wird. Ihre Kompetenz wird über subtile Fragen infrage gestellt, und so passiert es, dass Selbstbehauptung wie auch Selbststärke im Kern erstickt werden und die Person nur noch funktioniert.

Welche Formen von Gewalt habt Ihr als Pflege(fach)kräfte erlebt? Wie seid Ihr damit umgegangen? Lasst mich das wissen. Sei es hier über das Kommentarfeld oder drüben auf Twitter.

In diesem Sinne

Eure Frau Sofa

 

 

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