Ausbildung? Sorry, muss grad etwas hüsteln…. (1. Teil)

Manchmal sind es Medienbeiträge, die mich zu dem einen oder anderen Blogbeitrag nspirieren, wie zur Zeit der aktuelle Artikel des WDR mit dem Titel „Mangelhafte Pflegeausbildung – Dortmunder Insider berichten“.

Interessiert las ich den Artikel und hatte ein deja-vu nach dem anderen. Wie in dem Artikel beschrieben, war meine Ausbildung nicht viel besser.

Ich arbeitete als erfahrene Pflegehelferin in einer von Investoren betriebenen Senioreneinrichtung in Hosenbüttel. Dort bot man mir nach wenigen Monaten eine Ausbildung zur staatlich anerkannten Altenpflegerin, im Volksmund auch „Examinierte“ genannt, an, finanziert über das WegeBauProgramm der Arbeitsagentur. Kosten hatte damit die Einrichtung nicht, denn mein Gehalt bekam ich weiter bezahlt, halt nur von der Arbeitsagentur. Dafür hatten sie aber eine kostenfreie Mitarbeiterin, die sie nach Belieben und ohne Kontrolle einer Instutition nach Belieben einsetzen konnten.

Im Dienstplan wurde ich vom ersten Tag an als volle Arbeitskraft geführt. Ich hatte meine Gruppe, meist bestehend aus neun bis 13 Personen, die ich versorgen musste. Dazu kamen Aufgaben wie die Essensausgabe, Desinfektion der Wäschewagen usw. pp.

Einen Praxisanleiter hatte ich nicht. Zwar wurde mir Klaus an die Seite gestellt, da er aber keine entsprechende Weiterbildung genossen hatte, lief er als „Mentor“. Praxisanleiter war die Pflegedienstleitung, die ihre Aufgabe und ihre Verantwortung uns Auszubildenden an ihn delegiert hatte.

Das Blöde war, dass ich nur an wenigen Tagen mit Klaus gemeinsam Dienst hatte. Sogenannte Praxisanleitertage, also Tage, an denen er mich an die verantwortungsvolle Aufgabe einer Fachkraft hin führen sollte, gab es nicht. Und wenn wir endlich mal zusammen in einer Schicht arbeiteten, war er wegen seiner weiteren Aufgaben, diversen Besprechungen und wegen seiner aufwendigen Fflegegruppe zeitlich nicht in der Lage, sich um unsere Ausbildung zu kümmern. Wenn ich von „uns“ spreche: er hatte drei Schüler, um die er sich kümmern sollte.

Jetzt muss ich kurz die Einrichtung beschreiben. Sie bestand aus vier Etagen, die in unterschiedliche Wohngruppen unterteilt war. Jede Etage hatte eine Farbe als Merkmal. Da war die Station Gelb, Rot, Grün und Violett. Das Klientel bestand hauptsächlich aus Menschen, die geronto-psychiatrisch erkrankt waren. Korsakow, Pick, Alzheimer, Schizophrenie, Depression und weitere Erkrankungen waren unsere Bewohner.  Der Anteil der „normalen“ Bewohner belief sich auf geschätzte 1%, der Rest bedurfte extremer Aufmerksamkeit.

Eigentlich hätte die Einrichtung „geschützt“ sein müssen, aber aus finanzpolitischen Gründen wurde das nie beantragt. Man hätte ja den Personalschlüssel erhöhen müssen.

Mein Dienst begann meist um 6:30 Uhr und endete um 14:00 Uhr. Als Auszubildende, die direkt als 1,0 Stelle im Dienstplan geführt wurde. Es gab Tage, an denen ich die Schichtleitung hatte. Und an zwei Tage erinnere ich mich noch genau.

  • Der eine Tag

An dem einen Tag, es war ein Wochenende an einem heißen Sommertag, bekamen auf einmal drei Bewohner in unserer Wohngruppe wässrigen übel riechenden Durchfall und schwallartiges Erbrechen. Zwei der Erkrankten waren bettlägrig, eine war Rollstuhl-mobil. Wir waren an dem Nachmittag zwei Kräfte, die an dem Tag Dienst hatten. Ich, die Auszubildende, und eine Pflegehelferin von einem Zeitarbeitsunternehmen aus Hosenbüttel.

Klaus war in seinem Urlaub auf irgendeiner Insel im Mittelmeer und nur der Pflegedienstleiter war telefonisch erreichbar. Ihn informierte ich zeitnah über die Geschehnisse und forderte von ihm die Anweisung ein, sogenannte Iso-Schleusen einzurichten. Denn es war das passiert, was wir alle versucht hatten, zu vermeiden: Der Noro-Virus aus dem Erdgeschoss hatte sich bei uns ausgebreitet.

Wie gesagt: wir waren zu zweit und hatten keine Haushaltshilfe oder jemanden vom Sozialdienst, die uns unterstützte.

Also musste ich in drei Zimmern Iso-Schleusen einrichten, nach dem entsprechenden Desinfektionsmittel suchen, das ich logischerweise nicht fand, weil es von der Hausdame im Keller unter Verschluss war, Kaffee und Abendessen vorbereiten, den Küchendienst machen, Essen anreichen und anschließen 28 Menschen am Abend zu Bett bringen. Zusätzlich musste ich bei den Erkrankten für eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr sorgen. Also  legte ich  (wie ich heute weiß, dese unsinnigen und nutzlosen) subcutane Infusionen, da alle drei entsprechende Verordnungen hatten. Denn alle sollten im Haus bleiben. Ich bekam, weil ich es damals noch nicht wusste, keine Anweisung, die drei Erkrankten über die 112 in ein Krankenhaus einweisen zu lassen.

Noch einmal: wir waren zu zweit, und ich war die Auszubildende und hatte die Schichtleitung.

  • Der andere Tag

Es war in dem selben Jahr, in dem die obige Geschichte geschah.  Inzwiaschen war Spätsommer und wir waren wieder zu zweit im Spätdienst. In der selben Kombination: eine Helferin von der Zeitarbeit, ich als Auszubildende und keine Küchenkraft, geschweige denn eine vom Sozialdienst.

Das war der Tag, an dem Herr K. beschloss, in Hausschuhen auf Wanderschaft zu gehen. Von unserer Einrichtung aus durch Hosenbüttel nach Schlafdorf, das auf der anderen Seite des Flusses liegt.

Gegen 18 Uhr stellte ich fest, dass Herr K. nirgendwo zu finden war. Ich informierte alle Wohnbereiche und ging von Zimmer zu Zimmer, um ihn zu finden. Aber er war unauffindbar.

Also verließ ich die Station und ging in den Garten und den Vorplatz des Hauses, ihn zu finden. Ich suchte überall, rannte durch die Gassen des Vierteils, ging in die Tiefgarage des Hauses, suchte im Keller.. überall. Nur Herr K. war nicht aufzufinden.

Also rief ich den Einrichtungsleiter an und informierte ihn. Er gab mir die Anweisung, bei der Polizei eine Vermisstenmeldung abzugeben und ein Foto des Bewohners bereit zu legen. Gott sei Dank hatte Herr K. ein relativ aktuelles Foto von sich zusammen mit seiner Tochter im Zimmer hängen. Das nahm ich ab und hielt es für die Polizei bereit. Was er an Kleidung trug, wusste ich nicht ganz genau. Also gab ich die Vermisstenmeldung auf.

Gleichzeitig warteten die anderen Bewohner auf ihren Kaffee und später auf ihr Abendessen. Andere mussten auf die Toilette oder mussten gelagert werden. Aber die Suche nach Herrn K. ließ das nicht zu.

Stunden später kam ein Angehöriger ins Stationszimmer und hatte Herrn K. im Gefolge. Er hätte ihn auf der Brücke gesehen und sofort erkannt. Ihn ins Auto zu bekommen, wäre kein Problem gewesen. Denn Herr K. wollte zu sich nach Hause.

Also konnte ich die Polizei anrufen, die Suche absagen und meiner Arbeit nachgehen. Und es war mir klar, dass ich auch an diesem Abend, wie an anderen auch, nicht pünktlich nach Hause fahren würde.

Nein, ein „Danke!“ oder „Das war gut!“ bekam ich nicht zu hören. Stattdessen wurde bemängelt, dass Frau Z. und Frau T. an dem Abend unzureichend für die Nacht vorbereitet waren, und ich künftig auch noch geteilte Dienste machen müsste.

Diese beiden Geschehen und noch einige andere auch veranlassten uns Auszubildenden in dem Betrieb, Hilfe in unserer Schule zu suchen. Wir wünschten uns so sehr, andere Ausbildungsträger zu bekommen, die uns regelkonform auf unsere Tätigkeit als Fachkraft vorbereiten und nicht als billige Arbeitskräfte ausnutzten.

Es fand dann auch ein Gespräch statt, aber erst nachdem ich der Schule eine Auflistung der Pflegestufen „aktuell“ bzw. „was sein sollte“ vorgelegt hatte, zusammen mit der Personalbesetzung pro Schicht. Klar, dass das Gespräch nichts ergab. Es wurden Versprechen abgegeben, die nie eingehalten wurden.

Stattdessen wurde ich in der Schule „zusammen gefaltet“, weil ich im Unterricht an entsprechenden Stellen etwas von meinen Erlebnissen erzählte. Im Vieraugengespräch wurde mir untersagt, weiter solche wahren Erlebnisse zum Besten zu geben, da man durch mich die Motivation der anderen Schüler für diesen Beruf gefährdet sah.

Knapp ein Jahr später war die Schule gezwungen, aus Gründen für uns Schüler neue Ausbildungsträger zu suchen. Und ich kam vom Regen in die Traufe. Dazu aber an anderer Stelle später mehr.

Wie war die Ausbildung in Eurem Betrieb? Wurdet Ihr auch als volle Arbeitskräfte eingesetzt, ohne Rücksicht auf Euren Schülerstatus? Hattet Ihr einen Praxisanleiter? Und wenn ja, wie oft und in welchem Turnus?

Lasst mich das bitte wissen. Sei es hier als Kommentar oder drüben auf Twitter. Auf Eure Erlebnisse bin ich wirklich gespannt.

In diesem Sinne

Eure

Frau Sofa

Post sciptum: Mein Mentor Klaus erlitt, genauso wie der Einrichtungsleiter, einen Nervenzusammenbruch. Der Praxisanleiter, auf den ich immer noch große Stücke halte, erkrankte ernsthaft. Der Investor verkaufte seine Häuser wenige Jahre später mit Gewinn an einen anderen Investor. Alle drei scheiterten bei den Versuchen, die Einrichtung gegenüber dem Investor zu schützen, die ein wirklich gutes Konzept hatte und eine sehr gute Akzeptanz bei den Mitarbeitern, den Bewohnern, den Angehörigen und der Nachbarschaft hatte. Die Einrichtung gibt es leider nicht mehr. Die Teams wurden zerstört und das Haus steht seit etwa zwei Jahren leer.

 

 

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