Ausbildung? Sorry, muss grad etwas hüsteln…. (3. Teil)

Alle guten Dinge sind drei. Im ersten Beitrag ging es um einen kurzen Einblick als Auszubildende, dann um die praktische Prüfung und nun geht es um die Schule.

Tja, die Schule und die Klassenkameraden. Für mich ein Horror pur.

  • Die Schule

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Schule mit ihrem Konzept zwar auf dem richtigen Weg war, aber dennoch versagte.

Einschneidend für mich war eine der ersten Stunden im Unterricht. Wir wurden gefragt, wie wir uns unser Leben in 20 Jahren vorstellen. Dazu sollten wir Collagen machen und diese dann der Klasse vorstellen.

Da ich nun schon einige Jahre in der Pflege gearbeitet hatte, davor sigar schon ein anderes sehr gut bezahltes Berufsleben gehabt hatte, war meine Collage dementsprechend erstellt. Andere Klassenkameraden hatten hochherrschaftliche Häuser, dicke Autos und Bilder von karibischen Inseln aufgeklebt, da sie hofften, in 20 Jahren reich zu sein.

Allein interessant für mich war der Rechtskunde-Unterricht. Von dem, was ich da gelernt hatte, zehre ich noch  jetzt, denn unser Dozent, der auf einen bestimmten Frauentyp stand, war ein ehemaliger Richter.

Wir hatten eine große Unterrichtseinheit, die sich mit Wohnraumgestaltung, Beschäftigung, Gedächtnistrainings und Basteln mit Senioren befasste. Nebenbei liefen leider die Unterrichtseinheiten Arzneimittellehre, Behandlungspflege und Anatomie/ Pathologie, für  mich damals schon die relevantesten Fächer. Manchmal fragte ich mich, was ich da mache, ob ich richtig bin und überhaupt.

Im Fach Anatomie langweilte ich mich. Ich wusste das meiste schon und konnte sogar in einem Fall die Dozentin korrigieren, da sie im Unterricht etwas Falsches brachte. Die Reaktionen der Dozentin wie auch der Klasse waren entsprechend. Ich wurde als „Klugscheißer“ tituliert, die das Wissen der Dozenten in Frage stellen würde und so fort.

In der nächsten Unterrichtseinheit entschuldigte sich die Dozentin bei mir vor der Klasse, dass sie mir Unrecht getan hätte. Ich hätte Recht gehabt. Das aber wollten die Klassenkameraden nicht akzeptieren. Mein Ruf war ruiniert, was mich aber kaum tangierte.

Im Fach „Berufliches Selbstverständnis“ mussten wir auswendig lernen. Stupide die deutsche Version des ICN Code of Ethics for Nurses aufsagen und wiedergeben. Uns wurde „beigebracht“, welche beruflichen Möglichkeiten Altenpfleger theoretisch haben und wie wir diverse Konfliktsituationen, hauptsächlich Stress und Mobbing, bewältigen.

Im Themenbereich „Behandlungspflege“ hatten wir es mit unserem Kursleiter zu tun. Ich mochte ihn, auch wenn wir beide gegeneinander Krieg führten. Klar, für mich war klar, was sein Ziel war, aber für mich war er weit von der Realität entfernt. Und das konnte ich nicht akzeptieren, denn ich kannte die Arbeitswelt.

Wir durften zweimal Beine wickeln, zweimal i.m.-Injektionen fiktiv vornehmen, fünfmal Katheter legen und zweimal Blutdruck messen. Pulsqualitäten, Antlitzdiagnostik und Wundbehandlungen kamen nicht dran. Dafür die Expertenstandards und die entsprechenden Prophylaxen. Und wir wurden in Waschen unterrichtet, in Rasieren, Zähneputzen usw. Dinge, die allein auf die Funktionspflege hinaus liefen, aber uns in unserem Beruf nicht weiterbringen würden.

Und dann das Fach „Arzneimittellehre“…. grauenvoll. Hätte ich nicht auf bereits vorhandene Bücher in meiner Privatbibliothek, die rund 3.000 Bücher umfasst, zurückgreifen können, ich wäre jämmerlich in der schriftlichen Prüfung in dem Fach untergegangen.

Im Fach „Ernährungskunde“fragte ich mich oft, was das soll. Es lief irgendwie an den aktuellen Themen vorbei und deckte sich inhaltlich nicht mit den Inhalten der anderen Unterrichtseinheiten.

Wären die Themen „Anatomie/ Pathologie“, „Arzneimittellehre“, „Ernährungskunde“ und „Behandlungspflege“ parallel zu den Inhalten gelaufen, hätte ich nichts zu bemängeln. Aber das war genau nicht der Fall.

Nimmt man nun das Chaos des Unterrichts in der Schule und setzt es in direkte Beziehung zu den Ausbildungsträgern und ihr Benehmen  uns gegenüber, lässt dies tiefe Rückschlüsse auf unsere Ausbildung zu.

  • Die Klassenkameraden

Eventuell liegt es an  meinem Alter, dass ich bestimmte Mindestansprüche an Menschen stelle, die als examinierte Altenpfleger arbeiten. Mir ist deshalb bewusst, dass ich im Folgenden bei so manchen einen massiven Widerspruch und Gegenwind generiere. Aber das ist meine Meinung.

Alenpflege ist für mich ein hochkomplexer Prozess. Wir Altenpfleger müssen in der Lage sein, mit psychisch verändertem Verhalten der Betreuten umzugehen. Wir Altenpfleger müssen befähigt sein, Grenzen zu ziehen und – ganz wichtig – durch unsere Allgemeinbildung in der Lage sein, entsprechende Gespräche zu führen.

Was mich in der Klasse erwartete, war für mich persönlich heftig. In meiner Klasse war alles versammelt, nur nicht Bildung. Da waren Hauptschüler, die noch nicht mal wussten, was das Wort „primär“ bedeutete, die mit Adenauer und Ebert nichts anzufangen wussten. Wir hatten einen ehemaligen Bundeswehrsoldaten unter uns, der im Kosovo in einen Hinterhalt geraten war und dementsprechend paralysiert war, wir hatten einen Ukrainer dabei, der sich dann irgendwann in seinem Land der Widerstandsbewegung anschloss und sich mit schweren Waffen vor einem Panzer ablichten ließ.

Wir hatten „künftige Altenpfleger“ unter uns, die den Unterricht nur mit Smartphone verbrachten, um über soziale Medien mit anderen „Schwanzlutscher-Filme“, heftige „Fickfilme“ usw auszutauschen, die sich dann gegenseitig in den Pausen präsentiert wurden.

In den Pausen wurden Sex-Videos geteilt oder aber über besoffene Wochenende gesprochen, welche Trinkspiele welche „geilen“ Nebenwirkungen haben. Und das werden die Menschen sein, die irgendwann dich und mich pflegen werden?

Schon in dieser Zeit blickte ich wirklich neidvoll auf die Ausbildung zum Kranken- und Gesundheitspfleger, bei denen der Aufnahmestandard ein ganz anderer ist. Hingegen in der Altenpflege hatte ich das Geühl, dass jeder genommen wird, der nur ansatzweise weiß, wie der Buchstabe „A“ gemalt wird.

Mir wurde im Unterricht regelmäßig schlecht. Denn ich hatte die Menschen vor mir, die eventuell mich pflegen werden. Künftige Altenpfleger, die in ihrer Ausbildungszeit sich eher um Sex und Perversitäten kümmerten als um Allgemeinwissen. Deren Rechtschreibung unter aller „Sau“ war und die Interpunktionen, Grammatik und auch Geschichte eher als ein Krebsgeschwür sahen als ein Bonus für sich und ihre Kollegen.

Wir „Klugscheißer“ waren vier. Dazu kam dann noch Ludmilla, eine Frau aus Russland, sympathisch, empathisch und äußerst kompetent. Wir standen außen vor, aber wir waren diejenigen, die die Prüfung mit Bravour bestanden.  Aus unserer Klasse bestanden mehr als 10% nicht die Prüfung, für die Schule ein „Rekord“. Für mich aber absolut berechtigt. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten noch mindestens drei weitere Klassenkameraden die Prüfung nicht bestehen dürfen. Aber das ist lediglich meinen Meinung,

Die Vorstellung, eines Tages von solchen Menschen gepflegt zu werden, die noch nie etwas von Procol Harum oder Barkley James Harvest wie auch Pink Floyd gehört haben, die aber auf Helene Fischer und Wolfgang Petri stehen… die von meinen Hobbies keine Ahnung haben, weil sie diese Themen nie interessieren oder interessiert haben… lässt mich vor meinem Alter und meiner eventuellen Hilfsbedürftigkeit fürchten. Aus diesem Grund hoffe ich, dass ich rechtzeitig genug in der Lage sein werde, mir knapp vor Schluss einen eigens zusammen gemischten Tee zuzubereiten, dessen Wirkungen zwar schmerzhaft sein werden, aber der verhindern wird, dass ich von solchen Menschen bis zu meinem Tode gepflegt werde.

Eben aus dieser eigenen Erfahrung plädiere ich für eine Anpassung und Generalisierung der Pflegeberufe mit entsprechenden Zugangsberechtigungen. Denn bei dieser „Auswahl“ an Altenpflegern ist die niedrige Bezahlung und entsprechende Behandlung durch die Gesellschaft berechtigt, was aber nicht sein darf, wenn wir uns profilieren und behaupten wollen.

Ich weiß nicht, ob ich nur ein Extrem erlebt habe. Lasst mich wissen, wie es bei Euch in der Ausbildung war. Ihr könnt es gerne hier im Kommentarfeld oder aber auf Twitter tun.

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Ein Kommentar zu „Ausbildung? Sorry, muss grad etwas hüsteln…. (3. Teil)

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  1. Was soll man(n) ICH sagen? Ausbildung?! In aller erster Linie ist die innere Einstellung ein zwingendes MUSS. Widerwillig gelernte und ausgeübte Berufe oder Ausbildungen sind der Tod der Identifizierung mit selbigem/selbiger.
    Wenn ich nach dem Motto handel, „ich probiere das mal“ oder „ich habe ja nichts anderes gefunden“ ist das scheitern schon vorprogrammiert. Klingt komisch, ist aber so. Dieser Beruf ist im wahrsten Sinne des Wortes EINE BERUFUNG. Nur wer das erkennt und letztendlich für sich und seine Umwelt umsetzt, wird darin bestehen und aufgehen.

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