Eine Glosse: Die Verbitterte

Diese Kategorie von Bewohnern ist die für mich persönlich schwerste Klientel. Sie ist harsch, spricht in einem Befehlston, „befiehlt“ während einer Tätigkeit die augenblickliche Verrichtung der nächsten. Man kann es ihr nicht recht machen, egal, wie sehr man sich anstrengt. Diese Person ist gefürchtet und in meinen Augen die tragischste Bewohnerin einer Einrichtung.

Die Person ist voll orientiert und bekommt mit, wie ihr Körper immer mehr zerfällt, immer mehr ihrer Kontrolle entfleucht und sie immer mehr auf Hilfe angewiesen ist.

Sie lebt in einer Senioreneinrichtung, in der hauptsächlich Menschen mit dementiellen Veränderungen leben. Sie aber fühlt sich nicht dement, ist wach, beobachtet und ist wütend. Wütend über ihren Zustand, wütend über die Lebensumstände, wütend über die noch kommenden Jahre, die sie in der Einrichtung bleiben wird.

Sie ist verbittert, wütend und verzweifelt, weil sie weiß, dass sie nie wieder die Einrichtung verlassen wird, und wenn, dann nur mit den Füßen voraus.

Es handelt sich bei ihr um Menschen, die an diversen Erkrankungen leiden wie z.B. MS, ALS oder aber an einer austherapierten MRSA-Erkrankung, die eben, weil die Pflege zuhause nicht mehr gewährleistet ist, in einer Senioreneinrichtung leben.

Oft sind sie jung, auf jeden Fall jünger als der Altersdurchschnitt der übrigen Bewohner. Und es ist ihnen anzusehen, dass sie versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Und wir sind ihre Hilfen.

Die „Verbitterte“ hat meine größte Hochachtung. Denn jedes Mal, wenn ich zu ihr gehe, stelle ich mir vor, dass ich das sein könnte, die da im Bett liegt oder im Rollstuhl sitzt. Ihre Wut kann ich verstehen. Und ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich immer wieder fragt: „Warum ich?“.

Für sie bin ich Hand, Fuß und Arm, den die Person gerade benötigt. Deshalb kann ich ihre Kritiken oder Maßregelungen gut verstehen. Maßregelungen und/ oder Kritiken nehme ich nicht persönlich.

Meine Lösung:

Als Erstes lese ich mir die Krankheitsgeschichte der „Verbitterten“ durch und dann ihre Biographie (falls vorhanden). Spreche mit Kollegen und lass mir ihre Empfindlichkeiten sagen. So vorbereitet gehe ich zu ihr, wohl wissend, dass ich garantiert alles verkehrt machen werde – ihrer Meinung nach – weil ich ja „neu“ bin.Ich muss mir ihr Vertrauen, ihre Achtung und ihren Respekt verdienen.

Ich lasse mich beschimpfen, mit einem Kopfschütteln bewerfen, aber ich sage ihr klar, dass sie mir sagen muss, wie sie alles gerne hätte.

Und wieder bin ich ihr Arm, ihr Bein, ihre Hand – ihre Helferin. Und die Kunst liegt darin, ihre Körpersprache wahrzunehmen: die Nuance ihrer Stimme, ihre Mimik, ihre Körperhaltung, die Bewegung ihrer Augen. Alle meine Sinne sind auf äußerst scharf gestellt.

Von Besuch zu Besuch, so möchte ich die Hilfestellung in diesem Falle nenne, greife ich ihren Wünschen voraus, lasse aber bewusst immer eine Sache „links“ liegen, damit sie die Kontrolle behält.

So versuche ich, ihr Vertrauen zu gewinnen und ihr die Chance zu geben, sich mir gegenüber zu öffnen. Um über diese „Öffnung“ mir von ihren Ängsten, Hoffnungen  und Gedanken zu erzählen. Informationen, die ich benötige, um mit ihr noch besser zu kommunizieren. Und ich lasse ihre Fragen um mein Leben zu, die ich ehrlich und aufrichtig beantworte.

„Haben Sie einen Mann?“
„Haben Sie Kinder?“
„Wie leben Sie?“
„Was sind Ihre Hobbies?“
„Warum arbeiten Sie hier nicht fest?“

In etwa 90% der Fälle klappt es. Und das ist ein gutes Gefühl. Denn nun weiß ich, dass ich als Mensch, der hilft, akzeptiert werde. Um jetzt nicht missverstanden zu werden: es geht mir nicht um das Gefühl, benötigt zu werden, sondern um das Gefühl, ansatzweise zu ihr vorgedrungen zu sein, ihr Vertrauen erhalten zu haben. Es ist das gute Gefühl, mit ihr auf einer Augenhöhe agieren zu können. Sie sieht in mir keine „Dienerin“, sondern ihre Ressourcen, die ihr verloren gegangen sind und die ohne Wertung von mir ersetzt werden.

Wie gehst du bei einer solchen Klientel vor? Also bei Menschen, die nur noch verbittert sind? Die aus Gründen so wütend und hassend sind, dass man sie gerne als „Kotzbrocken“ bezeichnen möchte, was sie aber nicht sind.

Lass mich das bitte wissen. Sei es hier als Kommentar oder aber auf Twitter. Ich freue mich schon jetzt über Eure Erfahrungen.

In diesem Sinne
Eure
Frau Sofa

Advertisements

4 Kommentare zu „Eine Glosse: Die Verbitterte

Gib deinen ab

  1. Für die Mehrheit der Menschen ist Bitterkeit, oder auch Verbitterung, eine normale Emotion, die vorbeigeht wie der bittere Geschmack beim Genuss von Grapefruit oder Radicchio. Schon Kinder kennen das Gefühl: Der „doofe……gibt mir keine Schokolade“ , sodass der Gekränkte „Du bist gemein!“ ruft und sich still oder laut, schmollend zurückzieht. Die Emotion ist uns quasi angeboren, genauso wie Angst oder Wut
    Im Volksmund heißen sie „beleidigte Leberwurst“ – Menschen, die alles persönlich nehmen und sofort eingeschnappt sind. „Verbittert ist der schwer zu Versöhnende, der lange den Zorn festhält; er verschließt die Erregung in seinem Innern und hört damit erst auf, wenn er Vergeltung geübt hat“, hielt der Philosoph Aristoteles im vierten Jahrhundert vor Christus fest. Warum Menschen sich emotional an das erlebte Unrecht geradezu klammern, hat (vielleicht) mit unserem Glauben an eine gerechte Welt zu tun. Verbitterung ist schlimmer als Depression! Rigide Grundsätze engen manchmal / oftmals unser gesamtes Leben ein. Erst bei schweren beruflichen oder familiären Problemen bricht für diese Menschen ihre (eigene kleine) Welt zusammen. Über Nacht ändern sie ihr bisher (ach so) diszipliniertes Verhalten. Aus Schamgefühl meiden sie Orte, an denen sie Menschen begegnen könnten, die ihr Schicksal kennen. Doch schon vor der auslösenden Kränkung stecken die Betroffenen oft in einem psychischen Korsett aus Normen und Werten, die ihnen während der Kindheit, sowie im gesamten leben, vermittelt wurden. PTED ist eine Anpassungsstörung, nicht mehr und nicht weniger. Ich persönlich, versuche immer die PERSÖNLICHKEIT hinter dem Mensch zu sehen. Mal mehr und mal weniger gelingt mir dieses.

    Gefällt 1 Person

  2. Ich mache es ähnlich. Das braucht Zeit und Wiederholung. Wenn man als TZ Kraft immer wieder auf anderen Bereichen eingesetzt wird, dauert es noch länger.
    Irgendwann hat man einen Draht zum BW.
    Das ist Menschenwürde.
    Das ist die Pflegearbeit, die einen ruhig werden lässt.
    Und genauso wird auch mit muffligen alten Herren verfahren. Ihre Schamgrenze ist ganz anders gelagert als bei Frauen. Dafür ein Gespür zu bekommen ist für die Herren oft so lebenserleichternd, sass sie richtig aufblühen.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: