Fachkraft darf wohl jeder! (Update)

Die Tage wurde ich von Bekannten auf eine sog. Bildungseinrichtung im Umland von Hosenbüttel aufmerksam gemacht. Quereinsteigern und Arbeitslosen bietet diese Einrichtung an, binnen sechs Monaten über eine u.a. von der Arbeitsagentur geförderte Maßnahme das Berufsbild „Fachkraft für Alten- und Krankenpflege“ zu erlangen, um so in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis zu gelangen. Als Proargument wird auf den aktuellen und zukünftigen Fachkräftemangel verwiesen.

Auf meine Rückfrage, worin denn der Unterschied zwischen deren Ausbildung, die sie so laut auf ihrer Website propagieren, und der dreijährigen bestünde, lautete die Antwort: „In unserem Kurs gibt es kein Examen“. Auf meinen Hinweis, dass sie von „Fachkraft“ schreiben würden, bekam ich lapidar zu hören, dass die Bezeichnung ja nicht geschützt sei und diese ohne Probleme verwendet werden dürfte. Die Schule befindet sich mit ihrem Angebot dennoch im gesetzlichen Rahmen. Denn all das, was sie anbietet, bewegt sich innerhalb der gesetzlichen Vorschriften.

Ganz ehrlich? Ich bin stocksauer und richtig zornig. Und wie heißt es so schön? „Reize nie ein Tier am Sterz, denn er könnt geladen sein“, und ich bin geladen.

Und zwar aus einem ganz trivialen Grund: Wenn Fachkraft in der Pflege „jeder“ kann, weil es sich um keine geschützte Berufsbezeichnung handelt, dann ist es verständlich, warum in der Öffentlichkeit so schlecht über uns Altenpfleger gesprochen wird. Bei dieser nur sechsmonatigen Ausbildung, die die Teilnehmer als „Fachkräfte“ absolvieren können, handelt es sich um die unterste Ausbildung in der Pflege überhaupt, nämlich die Ausbildung zum „Helfer“, der noch unter dem „Pflegehelfer“ angesiedelt ist.

Und diese Schule darf mit dem Hinweis „Fachkraft“ werben, weil diese Bezeichnung gesetzlich nicht geschützt ist. Demnach dürfte sich  jeder, du und ich, er und sie oder die da und wir da uns „Fachkräfte“ nennen und auch entsprechend „Fachkräfte“ ausbilden.

Und wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ich als Schichtleiterin in einer Senioreneinrichtung es mit einer solchen „Fachkraft“zu tun habe, die – weil sie sich ja Fachkraft nennen darf – den größtmöglichen Mist verbockt und meint, damit noch auf der richtigen Seite zu sein? Ich als Examinierte die Verantwortung für deren Tun tragen und kontrollieren muss?. Ich diese Kraft immer und immer wieder in ihre Grenzen verweisen muss, weil sie meint, die Weisheit und das Fachwissen mit Löffeln gefressen zu haben? Und ich genau deshalb befürchte, dass es unter anderem genau diese „Kräfte“ sind, die einen nicht unwesentlichen Anteil am schlechten Ruf von uns Altenpfleger haben.

Ich weiß, wovon ich schreibe, denn ich habe es zur  Zeit mit einem solchen „Wesen“ zu tun und es tötet mir die letzten Nerven. Denn diese Person DARF sich ja Fachkraft nennen, weil diese Berufsbezeichnung gesetzlich NICHT GESCHÜTZT ist. Professionalität kann ich aber bei dieser Person nicht erkennen.

Jetzt verstehe ich auch, weshalb in der Politik immer groß angepriesen wird, dass in der Altenpflege das Mindesteinkommen angehoben wurde, für Pflegekräfte. Und es wundert mich gar nicht mehr, dass hier mindestens drei hierarchische Ebenen in einen Topf geworfen werden. Denn das Mindesteinkommen kommt den beiden unteren Berufsgruppen zu gute, aber nicht den echten Fachkräften, nämlich den Altenpflegern mit staatlicher Anerkennung.

Und mit dieser geringen Ausbildung kaufen sich so manche Betreiber von Pflegeeinrichtungen billig „Fachkräfte“ ein. Denn es geht ja nur um die Rendite. Und wahrscheinlich ist dies auch der Grund, weshalb die Politik es bis heute auch noch nicht geschafft hat, diesen Begriff gesetzlich zu schützen.

Vielleicht sollte ich doch besser ein Bildungszentrum aufmachen, um Fachkräfte in der Dummlaberei oder Fachkräfte bei der Serviettenfalterung auszubilden. Und ich ließe mir das dann auch von der Agentur für Arbeit entsprechend fördern, zumindest würde ich den Interessen bei der Antragstellung auf Förderung usw. behilflich sein…

In diesem Sinne

Eure

Frau Sofa

 

Update:

Inzwischen ist ein weiterer Blogbeitrag mit dem Titel „Etikettenschwindel“ aufgetaucht, der eine ähnliche Einrichtung „behandelt“. Bitte durchlesen! Auf jeden Fall! Und schaut Euch bitte die Aufnahme der Teilnahmebescheinigung an. Es handelt sich um ein niederschwelliges Ausbildungsangebot. Und – die Teilnehmer dürfen demnach, nach 186 Stunden Ausbildung sogar PEG, Stomae, Injektionen, Dauerkatheter usw. behandeln. Das geht überhaupt  nicht. Und diese Teilnehmer dürfen sich demnach sogar „FACHKRÄFTE“ nennen. Schlimm ist die Reaktion der Heimaufsicht. Nein, hier geht es nicht um das Wohl der zu versorgenden Menschen, sondern nur darum, irgendwie mit allen Mitteln den Pflegenotstand in der (Alten)Pflege entgegen zu treten. Ein Grund mehr, warum der Beruf des Altenpflegers so ins Negative rutscht!

 

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