Alles, was vom Leben übrig bleibt

sind sehr oft nur einige wenige Koffer und Plastiktüten. Besonders dann, wenn es sich um eine alleinstehende Person gehandelt hat.

Der letzte Atemzug ist getan, und es ist für die Angehörigen nicht mehr so wie früher. Dennoch dreht sich die Welt weiter. Die Sonne geht auf und unter, der Verkehr auf den Straßen geht seinen gewohnten Gang und der Mond wird weiter die Gezeiten unserer Meere bestimmen.

Der Mensch ist nicht mehr. Und noch erinnert man sich an ihn oder sie, weiß einige Geschehnisse um und mit ihm und irgendwann besteht dieser Mensch nur noch aus Daten. Wann er geboren wurde und wann er starb. Daran erinnern tut der Grabstein oder eine kleine Gedenkplakette an einem Baum.

Diese kleine Ausführung bringt mich zu der Frage, was das Leben eigentlich ist. Und während ich darüber nachdenke, fällt mir ein Buch ein, das ich hin und wieder an mir wertvolle Menschen mit der dringenden Bitte, es mir unbedingt wieder zu geben, verleihe.

Markolf Niemz, seines Zeichens Professor für Physik und Medizintechnik an der Universität Heidelberg, versucht „Leben“ und „Tod“ miteinander in Einklang zu bringen. Seine These, die mir persönlich in einer schweren Situation half, ist, dass nicht der Tod das Ende ist, sondern der Beginn einer weiteren Reise und dass das Leben eigentlich nur ein Zwischenstopp einer langen Reise ist.

Er erklärt es damit, um es ganz kurz herunter zu brechen, dass wir alle aus Atomen und Lichtwellen bestehen, die auch im Weltall vorkommen. Das Leben ist nur ein Zwischenstopp, der Tod die Fortsetzung der Reise. Seine Erklärung ist die Physik und die Astrophysik.

m2Wenn ich Sterbebegleitung mache, die Angehörigen tröste, dann fallen mir oft diese Sätze von Niemz ein, und ich spreche sie vorsichtig aus. Auch gegenüber denjenigen, die im Sterben liegen. Dabei beobachte ich ihre Atmung, ihren Gesichtsausdruck, fühle ihre Hand in meiner und reagiere auf jede Veränderung. Das mache ich, wenn ich als Altenpflegerin Zeit habe, mich um solch einen Menschen zu kümmern. Wenn mich nicht Personalmangel oder irgendwelche anderen „Zwischenfälle“ von dieser Aufgabe abhalten.

Ist der Mensch dann von uns gegangen, flüstere ich ein „Eine gute Reise. Und grüßen Sie bitte meinen Vater von mir, wenn Sie ihn sehen. Und freuen Sie sich auf das Wiedersehen mit ihren Eltern…“ ganz leise flüstere ich das.

Dann stehe ich auf, richte den Leichnam, dreh die Heizung ab, öffne die Fenster, halte die Uhr an, verhänge Spiegel und informiere den Arzt sowie die Familienangehörigen, wenn sie nicht dabei waren. Und ich schließe die Tür hinter mir ab.

Bekam der Verstorbene opioidhaltige Pflaster oder gar Morphin gespritzt, heißt es, sich nun auf das kommende Gespräch mit dem Arzt vorzubereiten. Es wird anstrengend und wird dauern. Aber das ist ein Teil unseres Berufes.

Ist die verstorbene Person vom Arzt freigegeben worden, kommt der Bestatter und holt sie dezent ab. Der Wagen parkt meist im Hinterhof und der einfache Kiefernholzsarg mit dem meist noch warmen Körper wird im Fahrstuhl in den Keller transportiert, um von da aus im Leichenwagen verstaut zu werden.

Alles weitere ist relativ einfach. Die Angehörigen kommen und räumen das Bewohnerzimmer. Es sei denn, die Verstorbene hat niemanden, der an den restlichen Habseeligkeiten interessiert ist. Also packen wir Fotos, Tücher, Krusch, Teddybären, Puppen, Halstücher, Bettwäsche, Unterwäsche in Koffer oder Plastiktüten. Einfach so, denn das Zimmer wird wieder benötigt.

Und so wandern oft Plastiktüten und Koffer von Menschen, an denen keiner  mehr interessiert ist, in den Keller. Und zwar solange, bis feststeht, wer diese letzten wenigen Dinge haben möchte. Wenn sich aber niemand meldet, dann wandern diese Sachen in den Müll. So einfach – die Person, der das alles mal gehörte, ist nun endgültig ausgelöscht.

Vielleicht haben es die Seelen dieser „einsamen“ Menschen besser als die derjenigen, die trauernde Familienangehörige haben? Mal angenommen, dass es eine Seele hier hält, weil man um sie trauert, sie aber gerne weiterziehen möchte, ist es doch für die Seelen derer einfacher, zu gehen, die wissen, dass es niemanden gibt, der an sie denken und um sie trauern wird.

Denn, das, was sie hier zurück lassen, sind keine Tränen, sondern nur wenige Plastiktüten und Koffer, deren Inhalt mal ihr Leben war. Denn das ist alles, was von ihrem Leben übrig blieb.

In diesem Sinne

Eure Frau Sofa

P.S.: Hier der Buchtitel von Niemz: Lucy mit c

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2 Kommentare

  1. So schön und wahr gesprochen. Es erinnert mich an einen Bewohner mit Bronchial-Ca im Endstadium. Sein ganzes Zimmer roch nach Krebs. Er litt still, in sich zurück gezogen, würdevoll. Er war so feundlich. Bedankte sich für jede pflegerische Hilfe. Ich, in den Anfängen des Berufes, sehr beeindruckt. Das Team bereitete sich auf ein Sterben über den Jahreswechsel vor. Wenige Tage vor Heiligabend dann die unglaubliche Entscheidung der Ehefrau: da wir ihn zu gut pflegten, befürchte sie, er könnte den Jahreswechsel überleben. Es ging um Geld. Viel Geld. Um Verjährungsfristen. Ein Leben bis ins neue Jahr hinein brächte unkalkulierbare finanzielle Risiken. Existenzbedrohend. Für die Frau. Er sollte in ein anderes Pflegeheim ziehen. Weit weg. Er sollte dort im alten Jahr sterben, sagte die Frau. Allein der Krankentransport eine unvorstellbare Strapaze für den Mann. Wir erfuhren es bei Schichtwechsel am frühen Morgen. Waren geschockt, entsetzt. Ich ging zu ihm, versorgte ihn, teilte ihm mit, was bevorstand. Packte sein bisschen verbliebene Habe in Müllsäcke. Zuletzt das winzige künstliche Weihnachtsbäumchen. Er sagte zum Abschied zu mir, ich sei ihm die liebste Pflegekraft gewesen. Alle Kräfte sammelnd, begleitete ich ihn bis zum Aufzug, als sie ihn holten. Dann heulte und brüllte ich im Wäschelager meine Verzweiflung raus. Der Mann verstarb wunschgemäß im alten Jahr, wie seine Frau uns später mitteilte.

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