Antwort auf einen Kommentar

Meine Antwort auf diesen Kommentar wurde einfach zu lang. Aus diesem Grund mache ich aus ihm einen eigenen Blogartikel. Ich bitte Euch, erst einmal den Kommentar zu lesen und dann diesen Artikel. Nur dann versteht Ihr, mit welchen Situationen in der Altenpflege wir konfrontiert werden.

Ich erlebte ähnliches. Tochter wollte, dass Mutter endlich geht. Also versuchte sie, jede Äußerung von ihr als Schmerzsignal zu definieren.

Sie würde doch „jammern“ und „stöhnen“ – sie kann nur Schmerzen haben! Mit diesen Sätzen lag sie uns in den Ohren. Und sie überprüfte die Wäsche. War ein Kleidungsstück verschwunden, klagte sie auf Schadensersatz. Und sie überprüfte den Hautzustand ihrer Mutter. Fand sie mal eine „Wunde“, wurde direkt eine Pflegesachverständige eingeschaltet, um „gefährliche Pflege“ nachzuweisen.

Die Mutter „jammerte“, weil sie kommunizierte. Sie „stöhnte“, um sich mitzuteilen. Das Gesicht der alten Frau war in diesen „Laut“-Situationen entspannt und zeigte ansatzweise so etwas wie ein Lächeln. Dennoch bestand die Tochter mit dem Hinweis auf ihre Generalvollmacht und allumfassende Betreuung in allen Belangen darauf, das Fentanyl von 12,5µ auf 25µ und dann auf 37,5µ anheben zu lassen. Offensichtlich wusste sie, dass diese Pflaster, je höher eingesetzt, auch auf das Atemzentrum wirken.

Wir alle hatten den Verdacht, von der Tochter dazu instrumentalisiert zu werden, ihre Mutter zu töten. Um Geld zu sparen. Zuerst tauschten sich wenige von uns über den Verdacht aus, da wir glaubten, eine Paranoia zu entwickeln. Dann aber merkten wir, dass wir alle von der Tochter bedrängt wurden, den Arzt über die „Schmerzen“ zu informieren. Sie forderte es direkt ein. Also informierte die WBL die PDL und die die Einrichtungsleitung.

Wir alle bekamen von der PDL einen „Einlauf“ mit der Drohung einer Abmahnung verpasst. Denn jeder von uns hatte es versäumt, die Dokumentation zeitnah zu führen. Schmerzprotokolle wie auch Berichteblätter strotzten vor Lücken. Ja, den Anschiss hatten wir uns so richtig verdient. Und uns allen wurde klar, dass unsere Nachlässigkeit dazu beigetragen hatte, der Tochter Zunder zu geben – Zunder, der uns hätte alle in die Luft jagen können.

Dann, eines Tages, rief der Hausarzt der alten Dame an und fragte nach den Schmerzen. Er wäre von der Tochter darüber informiert worden, dass wir die Mutter leiden lassen würden, er aber, soweit er die Dame schon seit Jahren kennt, das nicht glauben würde. Und er erzählte, dass die Tochter von ihm gefordert habe, das Fentanyl auf die maximale Dosis raufzusetzen, was er massiv abgelehnt hätte. Er würde auch darüber nachdenken, das Amtsgericht über diese Situation zu informieren, um ggf. die Betreuung der Tochter zu entziehen.

Von den Gesprächen bekamen wir nur noch über Berichte mit, da diese schon längst an anderen Stellen stattfand. Wir waren nur froh, dass der Tochter, die (aus welchen Gründen auch immer) – so unser Verdacht – nicht mehr für die Mutter zahlen wollte, in ihrem Bestreben gestoppt wurde,

Die nächsten Wochen schlug die Tochter beinahe jeden Tag bei uns auf, „weinend“ und auf die Situation ihrer Mutter hinweisend. Und wir bekamen mit, wie sie die Wäsche ihrer Mutter auf „Vollständigkeit“ überprüfte – jedes Mal, wenn sie da war.

Dann endlich durfte die alte Dame gehen. Ganz alleine OHNE eine Fentanylerhöhung. Sie starb, weil ihre Organe versagten.

Ich war an dem Tag im Spätdienst, und ich wusste, dass noch der Arzt wegen des Totenscheins kommen würde und dann die Bestatter. Das Gespräch mit dem Arzt war heftig anstrengend, eben wegen des BTM – und dann, als ich den versiegelten Totenschein in der Hand hatte, kamen die Bestatter.

Ich hatte Zeit, die Dame vorzubereiten. Und ich legte ihr ihr Schmusetier in die Hand und hängte ihr Kreuz mit Leukosilk befestigt ans Kopfende. Die Bestatter kamen und nahmen sie mit, mit Schmusetier und Kreuz.

Knapp eine Woche später rief die Tochter an und fragte nach dem Schmusetier und dem Kreuz. Diese Gegenstände hätte sie nicht in den Habseeligkeiten ihrer Mutter gefunden. Die Kollegin, die den Anruf angenommen hatte, suchte panisch nach diesen beiden Sachen, bis ich in den Folgedienst kam und alles aufklären konnte.

Ja, auch mit solchen Situationen müssen wir Altenpfleger umgehen. Sie passieren nicht oft, aber sie passieren. Und dann ist es absolut wichtig, kompetent in einem kompetenten Team mit der Rückenstärkung seitens der PDL, EL und des Hausarztes zu arbeiten.

Denn es gilt auch in der Pflege der Spruch:

Nicht jeder, der dich in die Scheiße reitet, ist dein Feind. Und nicht jeder, der dich aus der Scheiße zieht, dein Freund.

In diesem Sinne

Eure Frau Sofa

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