Drama in zwei Akten und sieben Szenen (Teil 2)

Zweiter Akt:

Was bisher geschah:
Manni, seines Zeichens Bundesgesundheitsminister erhält von Angela Merkel, Bundeskanzlerin, die Freigabe, die Pflege in der Öffentlichkeit zu stärken. Da Manni nicht die personellen Ressourcen hat, ruft er Siegfried Taler, den Unternehmensberater, der auch die Bundesregierung berät, um Hilfe. Siegfried Taler nimmt den Auftrag an und gibt diesen an sein Team weiter.

Szene 4: Sommer 2017, noch mal drei Tage später
Berlin, im Meetingraum der Unternehmensberatung Siegfried Taler & Partner:

Alle  verantwortlichen Mitarbeiter der unterschiedlichen Ressorts sitzen wieder um den ovalen Tisch. Siegfried Taler nimmt einen Schluck Wasser und eröffnet das Meeting.
„Nach dem Briefing vor drei Tagen habe ich lediglich zwei Ideen von Euch eingereicht bekommen, wie sich die Pflege positiv besetzen lässt, um mehr Menschen für diesen Beruf zu gewinnen. Nun möchte ich gerne diese mit Euch ausdiskutieren. Aber um ehrlich zu sein, ich bin maßlos enttäuscht. Da ist nichts Kreatives bei. Und wenn es mal sau gut vomg Kreativ ist, dann ist es EINS teuer. Leute, so geht das nicht. Lasst uns nun anfangen. Lotte, du bitte zuerst!“
Lotte, eine etwas rundliche Frau mit violett gefärbten Haaren, die sie als Bob trägt, nimmt ihre Mappe in die Hand und steht auf.
„Also, Siggi, ich habe an eine Fernsehserie gedacht, in der Krankenpfleger und Schwestern sich lustig und immer wohl gelaunt durch den Klinikalltag laufen, hin und wieder mal Scharmützel mit Ärzten und der Klinikleitung haben, aber sich ansonsten nur mit Herz und Köpfen streicheln. Ein Drehbuchkonzept wie auch eine Markt- und Medienanalyse hatte ich meinem Vorschlag ja beigefügt. Den müsstest du erhalten haben. Siggi?“
Siggi, also Siegfried Taler, schaut sie ausdruckslos ab. Er gähnt und hält sich nicht die Hand vor den Mund.
„Also Lotte, wenn ich mal etwas sagen darf! Das gibt es schon! Bruder Stefan! Oder In aller Feindschaft! Also: Vorschlag gestrichen! Streng dich das nächste Mal besser an!“
Er nimmt wieder einen Schluck aus seinem Wasserglas und greift die nächste Akte.In dem Augenblick geht die Sitzungstür auf und eine Raumpflegerin betritt den Raum
„Tschuldigung, ich will nicht stören, Ich bin auch gleich wieder raus.“
Siegfried schaut sie ärgerlich an, nickt ihr zu und fährt fort.
„Klausi, nun zu dir. Ich möchte dich bitten, kurz deine Idee zu skizzieren.“
Klausi steht der Schweiß auf der Stirn. Er hebt an:
„Ich dachte da an eine Fotostory. Sexy Pflegekraft in einem Altenheim setzt sich für die Belange der Bewohner ein. Sie kümmert sich um Frau Wagner, deren Mann sie betrügt, und so weiter.“
Siegfried Taler starrt Klausi, der eigentlich Klaus Wagenschmidt-von Hinten heißt, an.
„Und in welchen Medien meinst du, ließe sich so etwas veröffentlichen? In „Mann im Foto“? „Der silberne Zweig“? „Hervorragend?“
Klausi schluckt hörbar.
„Also ich dachte da an Fernsehen, das ZDF zum Beispiel…“
„Ach, der Herr dachte? Ohne Daten? Ohne Analysen? Klausi, du bist und bleibst ein Versager! Du solltest dir einen anderen Job suchen. Deine Vorschläge sind so…“
Und an die Runde gerichtet brüllt Siegfried los.
„Was seid Ihr für Versager? Wieso arbeitet Ihr alle hier? Am liebsten würde ich jeden von Euch sofort feuern. Was für beschissene Ideen habt ihr alle da? Fällt Euch nichts Besseres ein?“
Im Hintergrund fällt ein Besen auf den Boden. Alle schauen zur Lärmquelle. Die Raumpflegerin steht erschrocken da und blickt in die Runde.
Zaghaft hebt sie an:

„Darf ich auch mal was sagen? Ich hätte da eine Idee.“
Siggi schaut sie erstaunt, nein eher überrascht an. Sein Gesichtsausdruck wird auf einmal ernst, beinahe wütend ob dieser Störung. Dann geht ein Grinsen über sein Gesicht.
„Na, da will ich doch mal wissen, ob eine Putzfrau eure Ideen toppen kann. Ja, los! Verrate uns deine Idee!“
Die Reinigungskraft hält den Wischmop so, als müsste sie sich an ihm aufrecht halten. 
„Ich weiß, ich bin dumm. Längst nicht so schlau wie Sie alle hier. Aber meine Tochter schaut so gerne im Internet die Plattform Mehole, besonders, wenn es um Schminktipps und kreative Ideen geht.“
„Ja, und? Das wissen wir alle. “
Siggi lacht laut auf.
„Okay. erzähl weiter!“
„Also, da gibt es Stars. Also solche, die mit laienhaften Methoden versuchen, sich selbst zu präsentieren. Und die verdienen richtig gut. Aber das wissen Sie ja auch. Es sind die Klicks, die die Kassen klingeln lassen. Und da gibt es so einen kleinen Jungen. Meine Tochter findet ihn richtig süß. Der redet über sich und Pflege. Er stellt sich als derjenige dar, der die Pflege erfunden hat, der wohl besser als diese erste Krankenschwester aus England.. wie heißt die noch mal? Ach egal..“
Siggi schaut auf einmal mehr als interessiert. 
„Sprich weiter. Das hört sich gut an. Auf was willst du hinaus?“
Die Raumpflegerin nimmt sich einen Stuhl und setzt sich hin.
„Ich darf doch? Meine Knochen, wissen Sie. Meine Knochen. Ich bin halt nicht mehr die Jüngste. Und diese Arbeit, die ist hart.“
„Ich will jetzt kein Jammern über deine Arbeit hören. Erzähle mich endlich, was dir durch den Kopf geht!“ schnauzt Siggi sie an.
„Gut. Also dieser Junge, dieser Sunnyboy, scheint inzwischen der Pfleger des Jahres geworden zu sein. So führt er sich auf, das sagt er auch immer. Wie wäre es, wenn Sie ihn für den Auftrag gewinnen. Als Influencer, so heißt es wohl – glaube ich. Er würde sich sicherlich geehrt fühlen. Uneitel scheint er nicht zu sein.“
„Und hast du eine Ahnung, was uns das kosten könnte?“ Siggi, der intensiv mitgeschrieben hat, legt seinen Stift beiseite.
„Das dürfte  nicht viel sein. Denn bei Mehole geht es um Klicks.“ antwortet die Reinigungskraft.
„Ich danke dir für deine Idee. Hast du alles sauber gemacht? Wenn ja, dann lass uns allein. Wir haben etwas zu beraten.“
Die Raumpflegerin steht auf und richtet ihren Kittel. Sie packt ihre Sachen zusammen und wendet sich der Sitzungstür zu.
„Ja, ich bin hier fertig. Mit dem Putzen und meiner Idee. Ich entschuldige mich für die Störung Ihrer Sitzung. Und danke, dass Sie mir zugehört haben. Ich habe ja keine Ahnung. Bin ja nur ne Putzfrau.“
Mit diesen Worten verlässt sie den Sitzungssaal, den Reinigungswagen vor sich her schiebend.
„Du kannst in etwa 20 Minuten wieder kommen und den Tisch hier reinigen. Nicht früher und nicht später!“ flaumt Siggi sie an.
Leise fällt die Tür hinter der Reinigungskraft ins Schloss.
An die Anwesenden gerichtet brüllt Siggi auf einmal lo
„Muss erst ne Putze kommen und einen genialen Vorschlag bringen? So aus dem Stegreif raus? Ihr seid alles Versager! Womit habe ich Euch verdient?“
Siggi setzt sich gerade auf seinen Stuhl. Seine Augen funkeln. Er hat Blut gerochen. Seine Mitarbeiter erkennen, dass sie ihr Spiel verloren haben und es nun für sie nur noch darum geht, irgendwie in der Agentur zu überleben.
Ganz leise, beinahe mit einem Zischen in der Stimme spricht Siggi an seine Mitarbeiter gerichtet weiter.
„Ich kann keinen von Euch von jetzt auf gleich rausschmeißen. Leider lässt das unser Arbeitsgesetz und unsere Verträge nicht zu. Aber wenn Ihr weiter für die Agentur arbeiten wollt, dann setzt Euch verdammt noch mal auf den Hosenboden. Klausi, du schaust dir mal alle Videos von diesem Jungen an und analysierst sie. Du hast zwei Tage dafür Zeit, dann will ich ein Ergebnis sehen. Ansonsten: Ciao! Arrivederci! Bon voyage! Tschüssikowski! Auf nimmer Wiedersehen! Hast du mich verstanden?“
Klausi schluckt und nickt ergeben. Siggi fährt fort:
„Und du Lotte, darfst“ Siggi spricht dabei das Wort *darfst* langgezogen und überdeutlich aus. „Nein, du setzt dich hin und erarbeitest ein Kommunikationskonzept mit allen Punkten. Du weißt schon, mit ner SWOT, einer Mitbewerberanalyse und all dem Kram. Und nimm bitte eine der besseren vorgefertigten Vorlagen. Vergiss bitte nur ja nicht, die Namen und die Situationen zu ändern! Und Madame,“ seine Augen verengen sich „Solltest du auch n nur den kleinsten Fehler machen, dann darfst du mit Klausi zusammen deine sieben Sachen hier packen und verduften. Dein Konzept erwarte ich in drei Tagen um“ er schaut auf seine Uhr „22.53 Uhr. Keine Minute später.“
Siegfried Taler haut mit der Faust auf den Tisch.
„Leute, die Sitzung ist beendet. Wir sehen uns in“ dabei blickt er auf seinen Kalender „in sechs Tagen um 15 Uhr hier. Wenn ich aus New York zurück bin, will ich brauchbare Ergebnisse sehen!“
Siegfried Taler, der Agenturchef, steht auf, packt seine Unterlagen zusammen und verlässt den Sitzungssaal. Lotte, Klausi und die anderen erheben sich ebenfalls, nur schweigend und blass.

(Der Vorhang fällt.)

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