Der Streik an der Uni Düsseldorf, und was deren Pressesprecher dazu sagt

Ich habe grade einen Ausschnitt aus der „Aktuellen Stunde“ des WDR gesehen. Dort wurde über den bereits seit zwei Monaten währenden Streik des Pflegepersonals der Uniklinik Düsseldorf berichtet.

Ein Statement vor der Kamera gab allerdings nicht eine der streikenden Kolleginnen ab. Ein Statement vor der Kamera gab der Pressesprecher der Uniklinik Düsseldorf, der dem Vorstand der Klinik unterstellt ist, ab. Stefan Dreising bezeichnet den Streik als grausam.

Er leitet auch die Pressemitteilung zu dem Brief, den die Ärztinnen der UD an den Ministerpräsidenten von NRW geschrieben haben, mit den Worten, „Der grausame Streik an der UD geht weiter“, ein. Auf den Brief kann ich hier nicht eingehen, würde das aber gern ein andermal tun.

Viel interessanter finde, ich, dass Herr Dreising hier ein Narrativ einsetzt, das einmal mehr der – immer noch meist weiblichen – Pflege das Recht auf faire BEhandlung und anständige VERhandlung auf Augenhöhe abspricht: das Narrativ der grausamen, also nicht rationalen Frau. Die grausame Frau ist ein Topos, das vor allem von männlicher Seite mit Angst besetzt ist, weil sie dem angeblichen Urbild des weiblichen, empfindsamen, leidensfähigen weiblichen Wesens widerspricht. Die grausame Frau muss unter allen Umständen unterworfen und eingehegt werden, weil sie sonst das männliche Machtmonopol bedroht (Fun Fact: das Direktorium der UD besteht ausschließlich aus Männern.), und womöglich damit erfolgreich ist.

Abgesehen von der grundlegenden Falschheit der Idee, dass die pflegerische Versorgung auf Biegen und Brechen ein lohnenswertes Geschäft sein muss, ist mithin die miserable Bezahlung von uns auch ein männliches Machtinstrument: wer bestimmt über unsere Löhne?

Männer. Kapitalistische Männer, die unsere Arbeit von Anbeginn unserer Professionalisierung möglichst billig halten wollen und jetzt um ihre Pfründe fürchten (ich hoffe, zurecht).

Weiterhin versucht er mit der Wahl des Wortes „grausam“ ein mal mehr, an die angeblich höhere Emotionalität und das angeblich sensiblere weibliche Empfinden zu appellieren: „Ihr behandelt Patienten schlecht, das könnt Ihr doch nicht machen, Ihr müsst doch helfen, alles andere ist doch GRAUSAM!“, in der Erwartung, dass das Karbolmäuschen zusammenzuckt und voll des schlechten Gewissens ans Bett zurück huscht, um Gutes zu tun und so sein Seelenheil zu retten.

Natürlich ist die Verwendung des Wortes „grausam“ auch ein Instrument, um die Bevölkerung gegen uns zu stellen, denn Krankenschwestern, die grausam sind, wo gibts denn sowas?

„Misery“, die irre Krankenschwester von Steven King, wird vielen da einfallen. Oder die gesichtslosen (!) Krankenschwesternpuppen aus Silent Hill, die mit rostigen OP-Instrumenten roboterhaft Extremitäten abzuschneiden drohen und dabei luststöhnen. Krankenschwestern gone bad. Mörderinnen, Misshandlerinnen, wild gewordene Roboter – das, will Herr Greisner ausdrücken, sind die streikenden Kolleginnen. Und was macht man mit solchen verrückten Frauen? Sie müssen aufgehalten werden, bevor sie Schaden anrichten. In „Misery“ wie in „Silent Hill“ müssen die irre gewordenen Krankenschwestern, die ihrer zugedachten Rolle nicht mehr entsprechen, natürlich sterben. Das wird Herr Dreising nicht wollen, denke ich. Aber die wildgewordenen, aus ihrer demütigen Rolle fallenden Kolleginnen, die würde er jetzt schon gerne wieder an ihrem ihnen zustehenden Platz sehen: Fügsam, arbeitsam, dumm.

Dass die streikenden Kolleginnen jedes verdammte Recht darauf haben zu streiken, dass wir alle seit Jahrzehnten davor gewarnt haben, dass dieses Szenario eintreten wird, dass wir endlich soweit sind, richtiges Geld für scheißharte Arbeit zu fordern und unsere Arbeit so machen wollen, wie wir sie auch vertreten können, statt Almosen und Demütigung durch Hierarchien und Ausrichtung an lauter falschen Werten, DAS sagt Herr Greisner nicht.

Das sage ich. Das sagen andere Kolleginnen seit Jahren und Jahrzehnten. Aber wer bekommt die Öffentlichkeit und Sprechzeit? Nicht die Kolleginnen. Nicht die Pflege.

Sondern der Pressesprecher der Direktion der UD, also derer, die für die Lage in ihrem Krankenhaus mit schuld sind.

Und allein dafür sollte es einen Flächenbrand an Streiks geben.

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2 Kommentare

  1. Hi,

    zunächst mal hab ich keine Ahnung, ob ich mit meinem popeligen WordPress Account oder mit was anderem kommentieren soll – ich mach einfach mal.

    Danke für diese Analyse. Als Mann hab ich echt erstmal schlucken müssen – Genderdebatten und gender“bezogene“ Machtdiskurse sind nicht mein Steckenpferd. Mit anderen Worten: für ein fundiertes „Urteil“ (oder Meinung) habe ich da echt zu wenig Ahnung. Nach ner halben Tasse Kaffee sagt aber mein Bauchgefühl, dass Du Recht hast…und ab da wirds ja leider nur noch gruseliger, nicht weniger gruselig.

    Wenn man sich nur mal die Fakten anschaut, was die Verteilung der Berichtszeit und die Frage, wer da zu Wort kommt anschaut, dann wirds leider nicht besser.
    Erinnert mich stark an die Berichterstattung zu den Demos gegen das Polizeiaufgabengesetz in Bayern, wo einfach ein massives Ungleichgewicht herrscht – 2.500 Leute haben recht und sind total relevant, gehen 25.000 gegen die gewünschte Linie auf die Straße, sind das irgendwelche linken Spinner und Abweichler. (Bitte bei den Zahlen nicht festnageln – es geht um das Verhältnis, nicht um absolute Zahlen).

    Bei den Gesprächen über Pflege, Pflegequalität und so weiter denke ich aber, dass nicht nur die Arbeitgeber Schuld haben. Klar, es gibt Ausbeuter. Klar, es gibt auch Kriminelle in allen möglichen Sparten der Gesundheitsversorgung. Aber da gibts auch die AG, die versuchen, nen guten & fairen Job zu machen – aber in einem System, das völlig marode ist. Und daran ist auch „die Politik“ Schuld, und das geht mir in den aktuellen Diskussionen oft unter. Ich meine damit nicht nur die nicht zielführende Gesetzgebung (ich halte die Generalistik in der angedachten Form für nen großen Fehler); ich meine die Macht von Lobbyisten, die die Diskurse sicher mitsteuern. Ich meine die Tatsache, dass die Länder sich m.E. häufig aus der Verantwortung stehlen, indem eigentlich „zu zahlende Beträge“ (Renovierungen, Neubauten etc.) einfach nicht gezahlt werden – und dann bleibt den Arbeitgebern „nichts anderes übrig“, als das irgendwie gegenzufinanzieren. (Als Anmerkung: Ich finde das auch Scheiße 😉 aber ich glaube, es ist relevant, wo das zum Teil herkommt).

    Das machts jetzt für die aktuell Betroffenen auch nicht leichter zu ertragen, und ne gute Lösung hab ich nicht. Streiken ist eine gute Idee. Gewerkschaftlich organisieren auch (wobei auch das immer mehr unsexy wird, wenn man sich anschaut, wie es in weiten Teilen mit der Umsetzung der Tarifverträge läuft…da könnte man glaub auch seitenweise drüber schreiben). Und ich halte social media und Blogposts wie deinen für einen guten Weg, auf die Problematik aufmerksam zu machen.

    Danke dafür, & Gruß
    Christian

    Gefällt 1 Person

    • christian, danke für deinen beitrag und deine gedanken. weil ich ja nur gastautorin bin, schaue ich nicht wirklich oft hier rein. aber ich wollte dann jetzt doch mal nachsehen, und war jetzt doch echt überrascht. nochmal vielen dank, ich freu mich sehr!
      lg, sinazúcar

      Gefällt 1 Person

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