Mein Pflexit nimmt Formen an

In den letzten Wochen und Tagen wurde mich immer klarer, dass ich nicht mehr lange in der Altenpflege werde arbeiten können. Mir wird der Druck zu groß, der Stress und die Tatsache, dass ich als willenloses Ding in der Pflege mich um alles kümmern muss, aber keine Anerkennung erhalte.

Und die neue Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Pflegeberufe, die leider auch vom Bundesrat trotz massiver Bedenken durch gewunken wurde, wird noch sein Teil dazu beitragen, dass die Altenpflege von der Politik sehenden Auges und bewusst gegen die Wand gefahren wird. Das Niveau der künftigen Altenpfleger wird sinken. Lustig ist, dass der Bundesrat dies erkannt hat, aber erst einmal eine Evaluierung benötigt, um die Auswirkungen dieser Verordnung bewerten zu können.

bundesrat

Es gibt ein Sprichwort, das inzwischen zu meiner Lebensmaxime geworden ist. Es lautet:

Kämpfe um das, was dich weiter bringt.
Akzeptiere das, was du nicht ändern kannst.
Und trenne dich von dem, was dich runterzieht.

Für mich ist es nicht peinlich, zuzugeben, dass ich den Kampf zur Statusaufwertung und Optimierung des Berufes Altenpfleger verloren habe. Also akzeptiere ich, dass ich die derzeitige Situation nicht ändern kann. Und das zieht mich runter. Also muss ich mich trennen – vom Beruf der Altenpflegerin.

Meine Idee steht. Ich weiß inzwischen, was ich will und was ich nicht will. Und ich werde meinen Beruf dazu benutzen, den anderen Weg zu finanzieren. Denn anders als bei Sandro Plett zahlt mir ein Lächeln nicht meinen Lebensunterhalt.

Künftig wird es ganz viele Alex geben. Pflegekräfte, die Menschen mit dementiellen Veränderungen irgendwas ins Ohr flüstern… (berechtigter Rant zu diesem Post! Bitte lesen!)

alex

Solange es noch Menschen gibt, die nicht erkennen, ob nicht doch ein übergriffiges Verhalten seitens der Pflegekraft vorliegt, sondern vor Rührung die eine oder andere Träne abdrücken, dass so ein Verhalten absolut nicht fachlich ist, sondern eher belästigend, ein Denken von der Politik sogar gewünscht wird, dann habe ich keine Lust mehr, noch länger als nötig in dem Beruf zu arbeiten.

Der Beruf des (3jährig examinierten) Altenpflegers saugt inzwischen jede Kreativität aus einem. Er laugt aus. Er führt zu Übelkeit und Magenkrämpfen, wenn man an die Arbeit denkt. Er führt dazu, dass man sich nichtig fühlt, weil die Fehlerkultur in diesem Metier besonders stark ausgeprägt ist. Er erniedrigt. Er macht einen nieder.

Es geht nicht um das Lächeln der Bewohner, wenn sie mal angesprochen werden. Es geht darum, dass uns abverlangt wird, für jeden Fehler der anderen aus der Gruppe gerade zu stehen. Wir Examinierten sind es, die hetzen und Verantwortung tragen. Wir Examinierten sind es, die dafür kämpfen, dass mehr Waschlappen und Handtücher zur Pflege zur Verfügung stehen. Wir kämpfen dafür, dass nicht die Bettwäsche für die Körperpflege verwendet werden. Und wir Examinierten werden auch für die Tätigkeiten dieser 188h-Pseudo-Fachkräfte gerade stehen müssen. Und diese Verantwortung möchte und werde ich nicht übernehmen!

Wir Examinierten sind es, die nicht nur ihre Gruppe im Dienst zu versorgen haben, sondern auch sich um die restlichen Bewohner kümmern müssen. Wir sind es, die regelrecht erniedrigt werden, wenn aus Zeitgründen nicht ausreichend dokumentiert wurde und uns deshalb „von hinten über die linke Schulter“ aus rein egoistischen Gründen (um sich zu profilieren) gefährliche Pflege vorgeworfen wird.

Nein, ich habe beschlossen, diese Spiele und Entwicklungen nicht länger mitzumachen. Mein Pflexit geschieht nicht morgen. Ihn vorzubereiten braucht einige Zeit. Was ich aber demnächst machen werde, ist, mein Examenszeugnis auf „Fachkraft“ umschreiben zu lasse. Dafür habe ich bis 2020 Zeit, denn meine Ausbildung fand noch unter den alten Bedingungen statt. Im übrigen würde ich das jeder examinierten Altenpflegefachkraft empfehlen!

Morgen wird mein Telefon glühen. Denn es gilt, viele Telefonate zu führen. Und es gilt, die Finanzen zu checken. Ja, und es gibt Menschen, die mit Rat und Hinweisen helfen.

Ich möchte nicht mehr das Gefühl haben, innerlich zu verbrennen, nur weil ich nicht meinen Ideen nachgehen kann. Dafür ist die Altenpflege nicht geeignet. Und – ich wünsche mir wirklich, dass die Altenpflege voll gegen die Wand fährt. Denn in einem System mit solchen Akteuren kann sie nicht gesunden. So auf keinen Fall.

Weder Jens Spahn noch Erwin Rüddel noch irgendwer anders kann mir meine Gesundheit zurückgeben, wenn sie zerstört wurde. Und aus diesem Grund werde ich die Altenpflege in absehbarer Zukunft verlassen. Ich werde sie rational und unterkühlt nur noch dazu verwenden, mir den Weg in mein neues Leben zu finanzieren.

In diesem Sinne

Eure Frau Sofa

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3 Kommentare

  1. Liebe Frau Sofa, ich kann dich soooo gut verstehen und wünsche dir einen neuen Job, in dem deine vielfältigen Fähigkeiten erkannt und anerkannt werden. Ich habe einen Artikel gelesen, indem eine Arbeitswissenschaftlerin errechnet hat, dass Pflegekräfte, wenn man ihr Fachwissen, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten, sowie ihre psychische und physische Belastung berücksichtigen würde. 8€ mehr pro Sunde verdienen müssten.(Leider kann ich die Quelle nicht mehr finden.)
    Ich bin in der Krankenpflege tätig, aber auch da sind die Bedingungen sehr schlecht und die Bezahlung den Anforderungen nicht angemessen. Immer öfter denke ich: das Einzige, was noch helfen könnte ist, dass das System krachend gegen die Wand fährt. So schrecklich das sein wird, glaube ich inzwischen, dass ansonsten niemand in Gesellschaft und Politik die große Not begreift. Ich muss leider allen Interessierten abraten, den Pflegeberuf in Deutschland zu ergreifen- zu ihrem eigenen Schutz und zur Wahrung ihrer eigenen Würde.
    Liebe Frau Sofa, in diesem Sinne, alles Gute, größtmöglichen Erfolg und Bestätigung!

    AnnSch

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  2. Liebe Frau Sofa, toller Text , alles Wahrheiten, die keiner Wissen will . Glückwunsch zu der Entscheidung zu gehen, habe es auch gemacht und nie bereut . Perlen wie wir sind Adler im Hühnernest und was macht man damit ? Sie mobben . Nee Danke , fühle mich gerade wohl in der 1:1 Intensivpflege für Heimbeatmung und habe mich als Coach weiter gebildet . Altenpflege? NIE WIEDER , soll dich der Spahn die Verantwortung für seine Pseudo „ Pflegekräfte „ übernehmen. Der Plan , wenn ein Heum nach 3 Monaten keine ex. Pflegekraft findet , berechtigt dann auch Hilfskräften Behandlungspflege zu machen stinkt doch zum Himmel. Das öffnet den Heimträgern erst recht noch weniger von uns anzustellen und uns noch mehr Verantwortung aufzubürden. Die Altenpflege ist verloren …. wer noch etwas Selbstachtung hat , kratzt ganz schnell die Kurve …

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  3. Liebe Frau Sofa.
    Schon aus vernünftigen Gründen sollte man der Altenpflege den Rücken kehren. Hat man doch nichts anderes,als seine wertvolle Arbeitskraft,um sich finanziell am Leben zu halten.Das gilt es zu erhalten, man kann das nur noch durch Flucht aus der Knochenmühle Pflege tun.Warum sollte man sich auch aufreiben? Gesellschaft und Politik kümmert’s auch nicht.
    Ich wünsche dir viel Kraft und Glück,neue Wege zu finden.Es gibt ein Leben ohne die Pflege,du wirst sehen,es ist ein Besseres:-)

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