Da war doch was…

Heute ist Heilig Abend. Der „Auftrag“ ist, die Menschen in der Einrichtung für heute besonders schick anzukleiden und möglichst alle zu mobilisieren. Auch diejenigen, die seit Monaten nicht ihr Zimmer verlassen haben.

Im Stakkato öffnen sich die Fahrstuhltüren und Menschen kommen mit Paketen beladen in unseren Wohnbereich. Menschen, deren Gesichter wir nicht erkennen. Also rennen wir hinter ihnen her und fragen, ob wir helfen können.

Ich bin die Tochter von HH!“ Kommt die vorwurfsvolle Antwort. „Ich will zu ihr/ ihm.“
Wir schauen uns an.
Kennst du die?
Ne.
Sie sagt, sie sei die Tochter von HH.
Echt? Lass mal sehen…. Ach,so sieht sie aus?
Wie lang bist du schon hier?
Knapp zehn Jahre.“
Und du kennst die Tochter nicht?
Nein, die ist so gut wie nie da.
Kollege unterbricht und weist darauf hin, dass die Tochter, die im übrigen auch im Umkreis von Hosenbüttel lebt, schon ein oder zweimal da war.

Fahrstuhltür geht wieder auf, und ein uns fremder Mann betritt sich fragend umsehend die Station. Und wieder fragen wir, ob wir behilflich sein können.
Ich will zu meiner Mutter, Frau GA.
Wir zeigen in die Richtung, in die er gehen muss, um seine Mutter zu finden. Ich gehe neugierig hinterher und beobachte, wie er mit einem aufgesetzten Lachen zu seiner dementen Mutter geht. Ich sehe, wie er sie begrüßen will. Ihr Gesicht wird hektisch rot und sie fängt an, ihn wegzustoßen. Er schaut irritiert. Sie wird laut und schlägt nach ihm. Ich lasse die Situation geschehen und greife bewusst nicht ein.

Zwei Minuten später geht der Sohn zum Fahrstuhl. Mit Tränen in den Augen.

Irgendwie tut er mir leid, aber dann auch wieder nicht. Seine Mutter ist dement. Was erwartet er, wenn er nach Jahren mal wieder kurz vorbei kommt? Dass sie ihn sofort erkennt und ihm um den Hals fällt?

Und wieder geht die Fahrstuhltür auf, und das uns allseitsbekannte Geschwisterpaar betritt mit der Mutter im Rollstuhl vor sich her schiebend die Station. Sie reden so laut miteinander, dass uns ihre Unterhaltung nicht entgehen kann.
Ja, Mutti. Gleich kommt bestimmt eine Schwester und wird dich auf die Toilette begleiten. Schwester???? Schwester!!!!!!!!!“ (Ihr erinnert Euch? Ja, es sind genau die!)

Wir schauen uns alle gegenseitig an. Und eine Stimme fragt wütend:
Warum holen sie eigentlich nicht ihre Eltern über die Feiertage nach Hause? Und wenn es für das Essen und die Bescherung ist?
Wir zucken fragend mit den Schultern. Und wieder hallt der Ruf durch die Station.
SCHWESTER! MEIN MUTTER MUSS MAL!
Und erneut habe ich die Hasskappe auf. Da stehen zwei gestandene Söhne einer Frau, die ihnen im Baby- und Kindesalter den Po sauber gemacht hatte. Diese Söhne, ach so kundig, delegieren nun diese Aufgabe an uns. Klar, es ist unsere Aufgabe, aber es ist für mich auch die Aufgabe der anwesenden nahen Angehörigen. Unsere unfähige „Nadine“ steht auf und sagt: „Na, dann werd ich mal.„. Sie nimmt „Mutti“ und bringt sie auf die Toilette.

Mag sein, dass ich mir nun einen Shitstorm einheimse. Aber das ist mir jetzt wirklich egal!

Ihr Kinder von Menschen, die in unseren Einrichtungen leben müssen. Wenn Ihr kommt, dann kümmert Euch. Und hört auf, die für Euch unangenehmen Aufgaben an uns zu delegieren, nur weil die Mutter oder der Vater dafür zahlt.

Nein! Für mich seid Ihr nicht aus der Verantwortung entnommen. Wenn Ihr nicht da seid, dann kümmere ich mich gern. Aber ich weigere mich, Euch eine „angenehme“, ohne Euch als Kinder in die Verantwortung zu nehmen, Situation zu präsentieren.

Meine Forderungen an Euch, die sich außerhalb meiner politischen Meinung bewegen sind:

  • Kümmert Euch
  • Besucht öfter
  • Macht das, was sie oder er früher mit Euch gemacht hat: Toilettengänge z.B.
  • Holt sie zu Euch nach Hause, und wenn es nur ein Abend ist

Diese Menschen leben in der Einrichtung. Das bedeutet aber nicht, dass Ihr sie nur alle Jubeljahre besucht und Duschcremes oder Nachthemden vorbei bringt. Und die, die Ihr jeden Tag vorbei kommt, fragt doch einfach mal bei den Fachkräften nach, ob es möglich ist, diese Menschen für einen Augenblick mit nach Hause zu nehmen. Und ich garantiere, die Fachkräfte im Dienst werden ihr Wissen hervor kehren und mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Gerade das Weihnachtsfest verursacht besonders bei geronto-psychiatrisch auffälligen Menschen Depressionen. Anhand der kurzen Tage und langen Nächte, der Musiken, der Beleutung… und sie erahnen irgendwie, dass da mal irgendwas war. Nämlich Familie, Kerzen, Lachen oder Weinen….

Wir übernehmen dann Eure „Existenz“, wenn Ihr nicht da seid. Mit unserer Profession. Wir können und wollen aber Euch nicht alles abnehmen. Auch Eure Trauer nicht, nur weil die Mutter Euch nicht mehr erkennt. Weil Ihr nach einer gefühlt halben Ewigkeit Euch nicht mehr bei dem Menschen habt blicken lassen.

Und wir übernehmen nur äußerst ungern die Betreuung über diese hohen Festtage, nur weil es für Euch zu bequem ist und Ihr keinen Rollstuhl oder Rollator in Euren Kofferraum packen wollt. Allerdings wissen wir, wer von den Angehörigen sich kümmern kann und wer nicht. Und es gibt auch Bewohner, die allein sind, weil sie keinen Verwandten mehr haben. Um dies kümmern wir uns. Die nehmen wir mit.

In diesem Sinne! Und nun beschimpft mich!

Eure Frau Sofa

P.S.: Bevor Ihr jetzt mit Steinen nach mir werft, fasst Euch bitte an die eigene Nase und überlegt. Habt Ihr meine Botschaft überhaupt verstanden? 

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