Frau Sofa interviewt Eva-Maria Endruweit

 

eva-maria endruweit

Eva-Maria Endruweit lebt mit ihrer Familie in einem kleinen idyllischen Dorf in Hessen.

Zusätzlich zu ihrem Beruf als freie Dozentin für Pflegeberufe tritt sie zusammen mit ihrer Schwester als Careslammerin auf. Außerdem ist sie aktiv in dem Verein „Pflege in Bewegung“. Ihr Ziel ist, ein Umdenken in der Pflege zu erreichen. Eva-Maria Endruweit ist verheiratet und Familienmutter. 

Frau Sofa: Grüß dich, Eva-Maria. Wir beide kennen uns privat, aber viele wissen nicht, wer du bist. Könntest du dich meiner Leserschaft kurz vorstellen?

Eva-Maria Endruweit: Hallo Frau Sofa, gerne, denn ich bin immer froh, wenn Menschen wissen, mit wem sie es zu tun haben.

Wo fangen wir da aber an? Denn ich bin immer etwas skeptisch, wenn mich jemand fragt:“ Kannste mal kurz…“, *grins*. Aber Spaß beiseite. Ich bin eine – nennen wir es – „evolutionierte Pflegekraft“ mit fast 30 Jahren Berufserfahrung in der praktischen Gesundheits- und Krankenpflege.

Dabei bin ich erst mal noch die „Urform“ der Krankenschwester, also ein echtes Relikt des Wandels in den Pflegeberufen. Ebenso bin ich (altausgebildet!) Lehrerin für Pflegeberufe, ein Beruf, den ich sehr liebe und der mich immer weiter mit der jungen Generation und dem Pflegenachwuchs in Kontakt hält, was ich sehr begrüße. Denn das bringt mir den Vorteil, an den Alltäglichkeiten des Berufes weiterhin ganz nahe dran zu sein, zu verstehen, zu vermitteln und zu erklären, sowie an den richtigen Stellen zu stärken.

Ich unterrichte, inzwischen allerdings freiberuflich, die Gesundheits- und Pflegewissenschaften, was mich zwangsläufig hier, wissenschaftlich gesehen, immer auf dem neuesten Stand hält, was die Veränderungen im Pflege- und Gesundheitssystem angeht. Gerade in der Lehrerrolle stößt man an der Schnittstelle von Theorie und Praxis immer wieder auf Ungereimtheiten und Widersprüche, und die Ursachen sind, je nach Konstellation der Akteure, sehr komplex. Diese Zustände hinterfrage ich seit jeher an Ort und Stelle, was zeigt, dass ich durchaus in meinem Berufsleben sehr systemkritisch bin.

Um Antworten zu bekommen, begann ich vor einigen Jahren ein Studium, was mich nun über den Bachelor im Gesundheits- und Sozialmanagement zum Master im Management von Organisationen und Personal im Gesundheitswesen gebracht hat.

Ich bin daher eigentlich alles und momentan auch nichts, denn mit dieser Qualifikation arbeite ich hauptberuflich ehrenamtlich und versuche, Menschen mit Demenz innerhalb der Gesellschaft (in einer ländlichen Region in Mittelhessen) und im direkten Umfeld der kommunalen Versorgung zu unterstützen, erste niederschwellige Angebote zu entwickeln, die als Unterstützung schnell verfügbar sind und allem voran: Das Thema „Pflege und Demenz“ in die öffentliche Diskussion zu bringen.

Ich klopfe sozusagen an allen Türen der lokalen und regionalen Akteure und der kommunalen Verantwortlichkeiten und mache sie darauf aufmerksam, dass sie gerade einem demographischen Tsunami entgegenlaufen und das Wasser sich schon lange vor den Füßen zurückzieht.

Ich versuche, Menschen mit Demenz eine Stimme zu geben, den Menschen, die sie versorgen, ob Profis oder Laien. Nach fast 30 Jahren in der Pflege bin ich nun Mitte 40, habe zwei inzwischen fast erwachsene Söhne und blogge in meiner Freizeit zu aktuellen Pflegethemen. Im Netz findet man mich als KrankeSchwester oder auch unter Schwestergeläster bei facebook.

Ich liebe die Natur und auch die Vielfalt- Nachhaltigkeit und Schonung der lebensnotwendigen Ressourcen sind mir als Kind der 70er ein biographisch geprägtes Anliegen und ich bin momentan sehr besorgt um diesen Planeten und das Leben, welches uns umgibt und erhält. Dazu besorgt mich die Gleichgültigkeit meiner Spezies, wenn es um Themen wie zukünftiges Lebensumfeld, Sozialraum, Lebenswerte usw. geht, momentan sehr. Über all diese Sachen philosophiere ich über verschiedene Kanäle und gebe meinen Senf eben dazu, wo ich kann und, ich gebe offen zu, auch nicht immer gefragt. Ich spreche es an, frage nach, werde für manchen zur Schmeißfliege, die immer wieder kreist.

Sagen wir, um auf den Anfang zurückzukommen kurz und knapp: Ich bin gesundheitspolitisch- kritisch! Und ein unverbesserlicher Gutmensch, um das Wort hier mal richtig zu verwenden!

Frau Sofa: Du machst viel mit deiner Schwester zusammen. Ihr steht auf Bühnen und kümmert euch um den, um es mal platt zu sagen, korrekten Umgang mit dementiell veränderten Menschen. Was macht Ihr beide da konkret?

Eva-Maria Endruweit: Ja, das ist richtig. Meine Schwester und ich sind oft zusammen und haben unglaublich viel gemeinsam, obwohl uns 12 Jahre trennen und wir beide eigentlich als Einzelkinder groß wurden. Aber: wir ticken sehr, sehr gleich, was auch glaube ich jeder bestätigen kann, der uns kennt. Das heißt, wir ergänzen uns, vor allem gedanklich und auch in der Art des Humors. Sie ist ebenso Pflegkraft und manchmal ertragen wir uns gemeinsam vor lauter Ideenreichtum und -überschuss selbst nicht. Andere tun mir dann wirklich leid, denn zusammen sind wir echt geballte Power und überfordern dadurch auch mal unsere Zuhörer oder auch Partner.

Ich stehe auch solo auf der Bühne, aber immer wieder sehr gerne mit ihr gemeinsam, was leider zu oft von gemeinsamer Zeit abhängig gemacht werden muss. Demenz ist vor allem im regionalen Raum für mich ein wichtiges Thema, wenn wir auf die Bühne gehen, denn gerade in der ländlichen Region sind dementielle Erscheinungen einer starken Tabuisierung unterworfen. Jeder kennt jeden und der Schamfaktor ist entsprechend hoch. Dies trifft auch auf andere Dinge zu, wie Inkontinenz oder Alter. Da redet man nicht drüber, „..das gibt es nicht bei uns zu Hause“. Viele, auch Angehörige, ertragen die Situation als Schicksal oder mit einem „wir kommen schon irgendwie klar“.

Da ich, wie bereits angemerkt, aus Mittelhessen stamme, gibt es ein gutes Medium, tabuisierte oder auch politisch kritische Themen in gewisser Regelmäßigkeit anzusprechen. Wir bringen diese Sachen mit viel Humor „In die Bütt!“ des regionalen Karnevals. Dort nehmen wir gezielt solche „delikaten“ Themen ins Visier. Als naiv- dörfliche Putzfee Erika (meist in der Umgebung Altenheim) kann jedes Thema, bis in Detail und mit viel dörflicher Weisheit, erörtert werden, was die Zugangsschwelle zur Thematik in der ganzen Gesellschaft senkt und Raum für Gespräche und Akzeptanz öffnet. Ebenso bieten wir themengerichtete Sketche für Vereine zu bestimmten Festlichkeiten, wie Weihnachtsfeiern usw.

Eine weitere Leidenschaft von mir sind berufspolitische Kabarett- Auftritte, denn es gibt innerhalb der Berufsgruppe und auch über die Berufsgruppe Pflege so einiges zu reflektieren, wozu sich die Bühne in Formaten wie dem Care- Slam von Yvonne Falckner beispielsweise, geradezu anbietet. Damit bietet die Bühne einfach ein vielfältiges Instrumentarium an Möglichkeiten, um Themen zu multiplizieren, zu verarbeiten und möglichst viele damit zu erreichen. Daher nutze ich sie durchaus immer dann, wenn sich die Möglichkeit dazu bietet.

Frau Sofa: Was ist das Ziel eures Projektes?

Eva-Maria Endruweit: Als eine von 500 Lokalen Allianzen für Menschen mit Demenz hatten wir den ursprünglichen Auftrag, erste Ideen und Projekte kommunaler Demenzversorgung an der Basis umzusetzen.

Hier wurde allen schnell klar, dass es nicht reicht, Angebote einfach anzubieten, denn Stigmatisierung und Tabuisierung wirken einer Akzeptanz von Hilfen, gerade am Anfang eines dementiellen Geschehens, entgegen. Die Angebote der Entlastung basieren auf Freiwilligkeit und der Einsicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wir hatten beispielsweise im ersten Jahr einen Infotisch auf dem Weihnachtsmarkt, an dem jeder „interessiert“, aber mit mindestens einem Meter Abstand vorbeiging. Denn wer sich dort informiert, so der Schamaspekt, könnte ja in der Familie betroffen sein.

Wir haben daher zu Anfang ein intergeneratives Projekt gestartet, was die Kinder der Grundschule und Menschen Ü60 (nicht mit DEMENZ! – das war tabu!) gezielt verbindet, indem wir einen Nachmittag die Woche gemeinsam unter musikfachlicher Anleitung musiziert haben. Wir haben im Vorfeld die Kinder der Grundschule besucht, um das Thema als normale Begleiterscheinung des Lebens zu vermitteln, was gut angenommen wurde und auch schnell Menschen mit Demenz durch „Mundpropaganda“ zu uns brachte.

Tabuisierungsprozesse sind nicht offen präsent. Sie entstehen und festigen sich über viele Wege, haben enorme persönliche und auch ökonomische, meist negative, Folgen. Darüber schreibe ich gerade die Masterthesis, denn sie sind ein wichtiger Faktor bei Planungen im System, weil sie frühzeitige effiziente, aber zielgerichtete Maßnahmen erfordern.

Wir machen daher Demenzarbeit in erster Linie gar nicht mit den betroffenen Menschen, sondern an den Schnittstellen der Gesellschaft, holen die Themen Demographie und Demenz in die öffentliche Diskussion und damit aus einer, in diesem Fall, sehr ausgeprägten Tabuzone. Auch wenn jeder von Demenz redet und das „schlimm“ findet, ist das Wissen um das Phänomen Demenz sehr undifferenziert ist die Aktivität der Verantwortlichen teilweise (noch) zu gering vorhanden oder auch nicht wirklich zielgerichtet und mehr zur Wahrung des Scheins, wie ich es gerne nenne. So gibt es beispielsweise gute Ansätze und auch Willensbekundungen, etwas für die „Alten“ zu tun. So gibt es einmal pro Jahr den Seniorenmittag, wo alle Menschen über 80 gemeinsam einen durch ein buntes Programm bestückten Nachmittag verbringen. Das endet mit einem Zeitungsartikel wichtiger „Verantwortlicher“ , wo der älteste Teilnehmer mit einem Blumenstrauß und sitzend vor den Veranstaltern gefeiert und geehrt wird. Ist das eine Begegnung auf Augenhöhe? Wer feiert hier wen? Und für wen ist es wirklich ein Nutzen?

Wenn wir über (menschenwürdige!) Versorgung im Alter reden, müssen wir uns klarmachen, WER diese Versorgung der alternden Gesellschaft wirklich umsetzt. So klaffen auch darin die Vorstellungen zwischen dem sozialen und verwaltenden Sektor im Land weit auseinander. Während politische Akteure stets eine gute Versorgung durch Einrichtungen, niedergelassene Ärzte und auf kommunaler Ebene angesiedelten Beratungsstellen beschreiben und damit ihren Bedarf und ihr Handeln begründen, wird die Versorgung bei Menschen höheren Alters in erster Linie vordergründig durch Angehörige und auch die Gruppe der Pflegenden versorgt.

Eine weitere wichtige Gruppe der Akteure sind die vielen Ehrenamtlichen, die teilweise sogar in den Medien als die Retter des Systems inzwischen propagiert werden. Die Perspektive Bedarf entspricht in keiner Weiser der Perspektive des Bedürfnisses innerhalb des Versorgungssystems. Die vorhandenen Akteure sind viel zu gering vorhanden und leisten ihren Beitrag in ihrem Zuständigkeitsbereich, sind aber auch an allen Fronten vollständig überlastet.

Die Grenzen der Zuständigkeiten sind aber dazu für viele Menschen sehr vernebelt und intransparent, selbst die Akteure untereinander kennen die Sichtweise, bestehende Angebote, der anderen nicht. Dazu gibt es bisher keinerlei adäquate Kommunikationsstrukturen untereinander, schon gar nicht miteinander. Auch hier setzt das Projekt an. Wir vernetzen die Akteure, tauschen aus, übernehmen eine Dolmetscherfunktion und versuchen die ganzen verschiedenen Positionen auf ein Ziel auszurichten. Die alterssensible Kommune, sozusagen.

Wir versuchen die beiden Galaxien Verwaltung und pflegerisches Versorgungssystem verschmelzen zu lassen. Ich finde das immer ein nettes Beispiel. Denn es kommt nun zu Reibungen, zu Explosionen, alte Sterne müssen sterben, damit neue geboren werden. Und die „schwarzen Löcher“ werden transparent, in denen wichtige finanzielle Ressourcen seit Jahren verschwinden, ohne wem an Ort und Stelle wirklich nützlich zu sein.

Frau Sofa: Seid Ihr damit in einem Verbund aktiv oder macht Ihr das in freier Trägerschaft?

Eva-Maria Enduweit: Wir machen das seit zwei Jahren ehrenamtlich, finanziert über eine Anschubfinanzierung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Träger des Projektes war der Förderverein einer Musikschule, was schon einen interessanten Aspekt darstellt und deutlich macht, wo momentan die „vermeintliche gesellschaftliche! Verantwortung“ beim Thema verankert ist. Dieser Weg war für uns die einzige Möglichkeit, da die Kommune selbst dieses Projekt nicht als Träger durchführen wollte.

Aber es gibt immer einen Weg. Da die Leitung der Musikschule Master für Musikwissenschaften mit der Fachqualifikation Musikgeragogik ist, – das bedeutet, sie musiziert zielgerichtet mit allen Generationen und vor allem mit alten Menschen -, war es die ideale Lösung, das Thema über Musik, als Brücke der Generationen, zu transferieren und dabei pflegefachlich zu wirken, um den Prozess zur Entwicklung zukünftiger kommunaler Versorgungs- und Angebotsstrukturen in Ganz zu setzen.

Nachdem die Projektfinazierung nun ausgelaufen ist, sind wir in selbständiger Form organisiert, arbeiten aber weiter an der Finanzierung einzelner Angebote und eben inzwischen mit vielen lokalen Akteuren zusammen. Das Angebot findet im Mehrgenerationenhaus statt, was uns den Raum dazu stellt und daher keine Kosten verursacht. Ein Teil wird inzwischen durch die Pflegeversicherung abgerechnet und wir arbeiten durch Unterstützung von Ortsvereinen oder auch mit Spendengeldern. Wir finden einen Weg, er ist nicht immer gleich sichtbar.

Wichtig ist, die Menschen zu finden, die das Thema und die Aktivitäten unterstützen wollen und dass die Gemeinschaft derjenigen, die etwas verändern wollen, wächst.

Frau Sofa: Wer sind eure Klienten? Und welche Rückmeldungen habt Ihr bereits erhalten?

Eva-Maria Endruweit: Da Tolle ist, wir arbeiten momentan mit allen und jeden. Im Lebensraum Kommune ist JEDES Rädchen wichtig und vielleicht die Ressource, die man immer gesucht hat.

Wir arbeiten mit Kindern und Menschen bis 100, wir arbeiten mit Ärzten, Pflegediensten, Therapeuten.

Mit Banken, Supermarktangestellten, Angehörigen von Betroffenen.

Mit den Theologen, den Sozialpädagogen und Vereinen, mit dem benachbarten Krankenhaus und der Moschee; ich könnte unendlich mit der Auflistung weiter machen!

Wir wissen teilweise selbst nicht, wer genau es morgen sein wird, und genau das macht es so spannend und kreativ. Wir „sprechen Demenz“ in allen Formen sozusagen, sind Influencer, wie man es heute nennen mag. Die erste Form Demenz, die ansteckt! Evidence based!

Inzwischen biete ich den Pflegediensten der Umgebung regelmäßig Fortbildungen in Sachen QM und Umsetzung der Expertenstandards an, wir schulen Angehörigengruppen und auch an einem Ehrenamt interessierte Personen unter Kooperation mit der AOK. Hier merkt man dann schon, dass sich Dinge positiv verändern, mir geht das eben oft zu langsam, aber das liegt daran, dass ich als Pflegekraft aus dem internistischen Akutbereich mit dem Arbeitstempo der Verwaltung wohl niemals konform laufen werde. Es wäre ein Todesurteil!

Ich sehe daran aber, auch wenn meine Idealvorstellungen noch weit vom jetzigen Zustand entfernt liegen, haben wir bewiesen, dass man mit 10.000€ in zwei Jahren durchaus WELTEN bewegen kann, wenn man will!

Frau Sofa: Arbeitest du eng mit Kommunen zusammen? Wenn ja, wie gestaltet sich diese Zusammenarbeit? Fühlst du dich mit deinem Projekt adäquat unterstützt?

Eva-Maria Endruweit: Ja und nein. Das liegt daran, was man unter dem Begriff Kommune versteht! Kommunen, also die kommunale Verwaltung, sind durchaus interessiert, Demenzarbeit oder auch die Idee der altersgerechten Umgebung, umzusetzen. Ich selbst möchte sehr gerne und viel, viel mehr mit Kommunen gemeinsam neue Wege entwickeln. Doch das kostet einerseits Geld, was sie selbst dann für diese Stellen und die Organisation von Angeboten aufbringen müssten.

Die gesetzlichen Regelungen sind vorhanden, aber werden, je nach Bundesland, viel zu langsam praxistauglich umgesetzt, die Wege der Beantragungsverfahren oder auch die Beantragung von Fördermitteln ist intransparent und erfordert Unmengen an Zeit, bürokratischem Aufwand und Kommunikation mit den verantwortlichen Verwaltungsbereichen. Diese Stelle, also ein strukturiertes Gesundheitsmanagement gibt es in kleineren Kommunen und auch Kreisen überhaupt nicht, wobei es auch ökonomisch für sie durchaus langfristig sehr ratsam wäre.

Dazu herrscht im Gesundheitswesen ein allgemein sehr großer Konkurrenz- und Machtkampf.

Viele Akteure vor Ort reagieren selbst sehr verhalten, wenn man die Strukturen und Arbeitsprozesse vor Ort hinterfragt. Jeder hat Angst, man könne ihm etwas nehmen oder eine (Versagens-)Schuld zuschreiben, wenn festgestellt wird, dass es nicht optimal läuft. Die wirtschaftlichen Interessen einzelner Akteure sind da ein ebenso großes Thema.

Gerade in Hessen sind die niederschwelligen Angebote fast ausschließlich bei den professionellen Organisationen angegliedert. Diese haben aber oft gar nicht das ausreichende Personal, z.B. Alltagshilfen oder auch spezielle Formen der Hilfe, anzubieten. Da klafft eine große Lücke zwischen Versorgungsbedarf und Versorgungsbedürfnis der Menschen vor Ort.

Hier setzen wir nun an und machen Informationsveranstaltungen für kommunale Akteure. Wir sprechen Kommunen der Umgebung gezielt an und bieten für sie und alle anderen gesellschaftlichen Zielgruppen (Vereine, Schulen, Bankgewerbe, Gesundheitsdienste ect…) die Möglichkeit, z.B. Demenz- Partner der Alzheimer- Gesellschaft zu werden, machen Vorträge zu kommunaler Demenzarbeit, bzw. erklären erste wichtige Schritte und auch Strukturen, die im Vorfeld dieser Aufgabe bedacht werden müssen.

Dazu suchen wir die Kommunikation mit den professionellen Gesundheitsdienstleistern, vernetzen die Ärzte, Pflegedienste und auch andere an der Versorgung Beteiligte, wie Sozialarbeiter und Betroffene, wir sind bei lokalen Veranstaltungen im Krankenhaus oder auch dem lokalen Seniorenheim präsent, erscheinen in den regionalen Medien und auch im sozialen Netzwerk. Wir bringen also die Akteure und Player zusammen an den Tisch mit den verwaltenden Organen und ermöglichen den Austausch untereinander, die Kommunikation über verschiedene Sichtweisen, sowie auch eine gemeinsame Zielformulierung.

Vereine sind eine wichtige Ressource auf dem Gebiet, denn sie prägen das soziale Miteinander im Ort wesentlich. Hier machen wir Vorträge und auch Sketch- Auftritte auch Veranstaltungen. Da es uns ein wichtiges Anliegen ist, die nächste Generation auf ihre Rolle in einer demographischen Gesellschaft vorzubereiten, unterrichten wir das Thema Altern und Demenz bereits in der Grundschule.

Hier wird bewusst, dass viele Kinder im häuslichen Umfeld bereits direkt mit dem Thema konfrontiert sind. Sie haben tolle Ideen, wie man älteren Menschen helfen kann und auch wie ältere Menschen ihnen noch helfen können. Sie bringen das Thema dann zu Hause in die Familien und über einen intergenerativen Nachmittag werden letztendlich beide Generationen vor Ort gezielt vernetzt, zusammengebracht und durch ein buntes Jahresprogramm gemeinsam aktiviert.

Das bringt Lebensfreunde und das Gefühl, gebraucht zu werden, es gibt Struktur und ein positives Feedback.

Frau Sofa: Mit welchen Problemen werdet Ihr dabei konfrontiert?

Eva-Maria Endruweit: Tabuisierung und Stigmatisierung und mangelnde Finanzierung!

Das sind erst mal drei Begriffe, die alles bedeuten können, und daher muss ich da wohl einige Beispiele anbringen, damit die Dimensionen dieser Zusammenhänge klar werden. Erst mal ist mit dem Begriff Demenz bei vielen Menschen ein bestimmtes Bild damit verbunden, nämlich das, der bekannten Alzheimer- Patientin Auguste Deter, fortgeschrittenes Bild mit Dahinsiechung. Dabei fängt der Prozess ja weit früher an. Wir wissen heute, dass die Demenzen!- denn es gibt über 50 verschiedene bekannte Formen, nicht heilbar sind. Wir wissen auch evident, dass gerade zu Beginn des Verlaufes sehr viele Möglichkeiten genutzt werden könnten, um ein Fortschreiten zeitlich positiv zu beeinflussen und Strukturen frühzeitig abzustimmen. Aus Scham werden aber all diese Möglichkeiten der Unterstützung nicht genutzt, abgerufen, akzeptiert. Erst, wenn die Versorgunssituationen im häuslichen Bereich nahezu eskaliert, werden erste Gegenmaßnahmen eingeleitet, was viel zu spät ist und das ganze System dann in diesem Moment überfordert. Betroffene Menschen ziehen sich bei ersten kognitiven Auffälligkeiten zurück und Angehörige fühlen sich in der häuslichen Situation überfordert und schweigen.

Wir setzen uns also dafür ein, gezielte Teilhabe zu ermöglichen und Angebote zu entwickeln, Betroffene am normalen Leben weiter dabei sein zu lassen. Wir möchten Ängste abbauen und Demenz als eine normalen Prozess zu verstehen, der begleitend im Alter immer „normaler“ wird. Das Krankheitsstigma trifft dabei nicht wirklich zu, denn es steht einer Teilhabe und einem würdevollen Altern entgegen. Es bestehen sehr viele gesellschaftliche Vorurteile und Ängste im Umgang mit dementen Menschen. So bauen wir beschützte Wohngruppend

Ein weiteres Problem ist, dass viele verschiedene Machtkonstellationen vorhanden sind!

Die professionellen Akteure verstehen sich bei Vorschlägen zu Veränderungen teilweise in ihrer Kompetenz angegriffen und vertreten den Standpunkt, dass sie als Profis genau wissen, was sie tun. Aber darum geht es gar nicht. Es geht vor allem darum, dass andere wissen, was sie tun, dass sie bereit sind, die Schnittstellen zwischen ihrem Tun und dem Tun der anderen zu optimieren.

Frau Sofa: Was motiviert dich, trotz aller Rückschläge und Hemmnisse weiterzumachen?

Eva-Maria Endruweit: Das weiß ich manchmal auch nicht! Vielleicht, weil ich selbst irgendwann hier alt werden muss. Vielleicht, weil ich mich ungern mit einem: „Das geht nicht!“ zufrieden gebe. Ich habe jedenfalls günstigstenfalls 20 Jahre Zeit, wenn ich in diesem meinem Lebensumfeld selbst alt werden möchte, bis dahin sollte es laufen. Ansonsten sollte ich mir nun langsam weitere Alternativen für ein würdevolles Altern überlegen, wo ich dement sein kann, wie ich gerade will und keiner mich irgendwo in beschützte Gruppen packt, festbindet oder unter Tavor setzt. Oder relativiert: bitte nur so viel Tavor, soweit ich es gerne hätte! 😉 Und statt dessen Spaß, Bewegungsfreiheit, Freundlichkeit, eine halbwegs gute Versorgungsqualität. Ist ja nicht zu viel verlangt, finde ich!

Frau Sofa: Ich kann mir nun gut vorstellen, dass viele meiner Leserschaft jetzt denken: „WOW, was für eine Idee. Das mache ich auch.“ Was rätst du diesen Kolleg*innen? Welche Qualifikation bzw. Weiterbildung empfiehlst du ihnen?

Eva-Maria Endruweit: Das Schlimmste an aller Arbeit ist der Anfang!!! 😊 Und das ist das Tolle daran, eigentlich ist es ganz egal. WER man ist. Es braucht keine große Qualifikation, damit anzufangen. Wer anfangen will, sollte das Thema vor Ort ansprechen, Dinge bemerken, die im eigenen Umfeld wichtig sind oder werden. Wenn man bedenkt, es kann einen in nicht allzu langer Zeit selbst treffen, was würde man sich wünschen? Was hätte man bis dahin gerne greifbar und als Ressource im eigenen Alter nutzbar. Das fängt an bei Mobilität und Wegen, die auch mit Rollator oder Rollstuhl machbar sind. Als Verein aktiv werden und ein erstes Angebot entwickeln. Und Mut haben, Dinge zu probieren, denn es gibt zwar eine Menge guter Ideen und Leuchtturmprojekte, aber jede Umgebung ist einzigartig und anders. Aber wichtig ist, sich zu informieren, hier geben die Lokalen Allianzen für Menschen mit Demenz, die BAGSO, die Alzheimergesellschaft viele gute Beispiele.

Zur Orientierung biete ich gerne auch Beratung und Infoabende für Kommunen und auch Vereine an, Infos dazu und zu unserem Angebotsspektrum gibt es ebenfalls im Internet unter: www.carefortheone.de .

Wer mehr dazu wissen möchte findet dort auch zwei bisher erschienene Bücher ( oder bei Amazon oder direkt beim grin- Verlag).

Und wer uns gerne direkt auf der Bühne hätte: dort ist der Kontakt dazu!

Mehr über die Demenzarbeit „im Ort“ findet Ihr auch auf facebook unter: Laneburger Allianz für Menschen mit Demenz

Wichtig ist auch, man muss nicht alle Qualifikationen selbst haben, man muss sie zusammenbringen! Und man fängt mit denen an, die erst einmal da sind und Gleichgesinnte erscheinen. Hier trifft man nur allzu oft jemanden aus der sozialen Berufsgruppe oder jemanden, der sich einen Vorteil durch die Unterstützung verspricht.

Die erste Kugel muss beginnen zu rollen- UND DAS SPIEL BEGINNT!

Frau Sofa: Eva, ich danke dir ganz herzlich für das Interview.

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