Mein Leserbrief, der nicht veröffentlicht wurde

Am 8.2.2019 veröffentlichte der Kölner Stadtanzeiger einen Artikel unter der Überschrift: „Seniorenheime suchen Mitarbeiter – Markt an Pflegekräften ist im Kreis leergefegt

Dieser Artikel brachte mich dazu, einen Leserbrief zu schreiben. Ein Leserbrief, der eher einem eigenen Artikel glich und wohl deshalb nicht, auch nicht auszugsweise, veröffentlicht wurde. Hier nun mein Leserbrief, der an die Redaktion des KSTA ging.
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Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich beziehe mich auf den Artikel „Seniorenheime suchen Mitarbeiter – Markt an Pflegekräften im Kreis ist leergefegt“, veröffentlicht am 8.2.2019 im Rhein-Sieg-Anzeiger.

Als examinierte Altenpflegerin und Pflegeberaterin, die sowohl als Leasingkraft als auch als Festangestellte in vielen stationären Pflegeeinrichtungen (auch bei der Caritas) gearbeitet hat, erlaube ich mir folgende Äußerungen:

Der Personalmangel in den Pflegeeinrichtungen ist größtenteils hausgemacht! Basta! Denn in den vergangenen zweistelligen Jahren nahm die Arbeitsverdichtung für Pflegefachkräfte immer weiter zu, bei gleichzeitiger Reduktion ihrer Verantwortungsbereiche. Beispielsweise wurde die Betreuung und Beschäftigung der Pflegebedürftigen von Alltagsbegleiter*innen übernommen, die in Minimaßnahmen auf diese schlecht bezahlte Tätigkeit vorbereitet werden. Wie gesagt, nur ein Beispiel.

Dies bedeutet für die Pflegefachkräfte, von diesem Aufgabengebiet „entlastet“ in einer höheren Taktzahl immer mehr Bewohner versorgen zu „zu müssen. Dies zusätzlich zu ihren Aufgaben wie Schichtleitung, Dokumentation incl. Evaluierung, Überarbeitung der Assessments, Angehörigengespräche, Arztvisiten, Kommunikation mit Apotheken, Medikamente stellen, Behandlungspflege vorzunehmen u.v.m. Noch „lustiger“ wird es, wenn dazu noch Fachaufsichten in weiteren Wohnbereichen dazu kommen, weil eine Fachkraft ausgefallen ist. Die einzige Beschränkung war und ist die Bettenzahl der Einrichtung, aber nicht der pflegerische Aufwand.

Die Umstellung im Jahr 2017 von Pflegestufen auf Pflegegrade führt dazu, dass hauptsächlich nur noch Menschen mit Pflegegrad 4 und 5 in die Heime kommen. Es handelt sich hierbei um pflegebedürftige Menschen, die mehrfach erkrankt sind und oftmals zusätzlich noch an massiven dementiellen oder psychiatrischen Veränderungen leiden.

Da nun aber die „Minutenpflege“ der Pflegestufen weggefallen ist, passiert es, dass eine Pflegefachkraft neben ihren sonstigen Tätigkeiten es vermehrt mit zum Teil schwerst pflegebedürftigen Menschen zu tun hat, die zu ihrer Pflegegruppe gehören (neben den weiteren Bewohnern des Wohnbereichs, die sie behandlungspflegerisch zu versorgen hat). Dies zu bewältigen bedeutet die Kraft von Superman bzw Superwoman. Wir verfügen aber nicht über Superkräfte.

Denn:
Zeit für Pausen sind oft nicht möglich, und wenn, dann werden sie in größter Regelmäßigkeit durch Ärzte, Angehörige und Bewohner unterbrochen. Pausenräume, so wie gesetzlich vorgeschrieben, haben die wenigsten Einrichtungen. Und wenn, dann sind es Räume, die diesen Namen nicht verdienen. In einem mir schlimmsten Fall lag der Pausenraum der Pflegekräfte genau gegenüber dem Büro des Pflegedienstleiters, der uns damit überwachte.

Und während wir auf die Flüssigkeiteinfuhr unserer Bewohner achten, vergessen wir die unsere. Der Kaffee oder Tee wird kalt. Und den wir nicht trinken, weil wir ihn aufgrund der Arbeitsbelastung ganz einfach vergessen haben und was eigentlich „gut“ ist, denn so ersparen wir unsere Toilettengänge, die nur Zeit kosten.

Sogenannte Schaukeldienste, also Wechsel zwischen Spät- und Frühdienst, steigern die (psychische) Belastung, da der Pflegeberuf von Ausnahmeregelungen im Arbeitsschutzgesetz betroffen ist. Arbeitsmedizinische Empfehlungen werden oft nicht umgesetzt. Erholung ist ein Fremdwort, zumal in vielen Einrichtungen trotz besseres Wissens seitens der PDLs (Pflegedienstleiter) die Mindestruhezeit von 10 Stunden in der Dienstplangestaltung oft unterschritten wird.

Fort- und Weiterbildungen sind gesetzlich vorgeschrieben, denn wir sind verpflichtet, nach den neuesten pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen zu arbeiten. Das sind unsere Pflichten und keine „Sonderleistung“ der Arbeitgeber, die besonders erwähnt werden müssen. Zumal auch die Arbeitgeber gesetzlich dazu verpflichtet sind, uns in bestimmten Bereichen fortzubilden. Es ist also unsinnig, dass sie gerade damit um Personal werben, als ein Benefit. Eine Beleidigung.

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, kommen noch diese unleidigen Dienstpläne hinzu, die nur von einem Monat auf den nächsten erstellt und sehr oft erst zum Ende des laufenden Monats herausgegeben werden. So wird jede Pflegekraft, ob Helfer oder Fachkraft, in ihrer Teilhabe am sozialen Leben behindert. Private Freizeitplanungen sind so schier unmöglich, was zu einer sozialen Isolation führt. Gerade deshalb ist die Angabe „verlässliche Dienstpläne“ ein Hohn. Denn das sollte selbstverständlich sein.

99.9% der von mir aufgeführten Punkte sind seitens der Einrichtungen hausgemacht. Sie zu beseitigen, obliegt allein den Einrichtungsleitungen. Denn die Kritikpunkte sind es auch, die viele von uns Fachkräfte in den Pflexit treibt oder darüber „zwingt“, darüber nachzudenken. Nur um Ruhe wieder ins Leben zu bekommen und um sich selbst zu kümmern.

Wenn ich mir Stellenausschreibungen diverser Pflegeeinrichtungen durchlese, finde ich nur Beschreibungen unseres Berufsbildes, die bereits per legem als unsere Aufgaben definiert sind.

Wichtig für uns ist neben einer besseren Vergütung auch die Umstrukturierung unserer Arbeit. Lösungen, wie es gehen könnte, ergeben sich aus den von mir aufgeführten Gründen. Und für deren Beseitigung bedarf es keiner externen Unternehmensberatung, sondern gesunder Sachverstand und der Wille, etwas zu ändern.

Jede Pflegeeinrichtung, ob karitativ, gemeinnützig oder Investoren getrieben, unterliegt der Gewinnerzielung. Eine 98%ige Auslastung, auch unter massiven Personalmangel geht in Richtung Ausbeutung. Das darf nicht vergessen werden. Und dieser Punkt ist einer der Hauptursachen für die oben beschriebene Misere.

Der beste Leumund für Pflegeeinrichtungen ist die Zufriedenheit der Mitarbeiter. Diese transportieren sie in ihren Kreisen weiter. Zufriedenheit spricht sich herum und führt dazu, dass mehr Pflege(fach)kräfte in den Einrichtungen arbeiten wollen – schon allein, weil die Rahmenbedingungen stimmen. Und es soll sogar Einrichtungen geben, bei denen man gerne arbeiten möchte.

In diesem Sinne
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Dieser Brief wurde nie veröffentlicht. Deshalb mache ich es jetzt.

In diesem Sinne
Eure Frau Sofa

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