Dein „Krank“ gehört mir…(?)

Führungskräfte haben maßgeblichen Einfluss auf die Krankenquote und sind unmittelbar verantwortlich. So gibt es Studien, die aufzeigen, das Vorgesetzte bei einem Wechsel der Abteilungen ihre durchschnittliche Fehlzeitenquote auch in der neuen Abteilung mit einem anderen Team beibehalten, „schlechte“ Führung zu hohen Fehlzeiten führt und „gute“ Führung Fehlzeiten reduzieren kann.

Vor einigen Wochen hatten wir in unserer Einrichtung wieder eine Mitarbeitervollversammlung:  eigentlich eine schöne Sache, da dort Kennzahlen der Einrichtung, zukünftige Projekte und aktuelle Thematiken vorgestellt und so allen Mitarbeitern transparent gemacht werden. Mir als Pflegedienstleitung der Einrichtung graut es allerding immer vor einem Punkt in dieser Versammlung, da dort auch abteilungsbezogene Fehlzeitenübersichten veröffentlicht werden und in jedem Jahr die Pflege dort der „Spitzenreiter“ ist.

Bin ich also eine schlechtere Führungskraft im Vergleich zu den anderen Führungskräften im Unternehmen, wenn doch immer mein Team die höchste Krankenquote hat?

Oder kann ich mich auf höhere körperliche Belastungen, ungünstigere Arbeitszeiten etc. berufen?  Sind ja alles nachgewiesene Faktoren, die im Bereich der Pflege zu höheren durchschnittlichen Fehlzeiten als in anderen Berufen führen können.

Bin ich also als Führungskraft vielleicht doch nicht so schlecht, wenn ich mein Team nicht mit anderen Professionen, sondern mit den Krankenquoten der Pflegekräfte der anderen Kliniken im Konzern vergleiche?

Leider weisen wir auch in diesem Vergleich anscheinend höhere Fehlzeitenquoten als die anderen auf. Zumindest wird es der Klinikleitung so durch die Konzernleitung kommuniziert, wenn diese sich in den Jahresgesprächen für die Fehlzeitenquote meines Teams rechtfertigen müssen.

Bin ich also doch eine schlechte Führungskraft? Oder kann ich mich darauf berufen, dass im Vergleich zu den anderen Einrichtungen mit vergleichbaren Anforderungen an die Mitarbeiter, bei uns – bis auf gelegentliche kurze Einsätze zu Urlaubszeiten – nur Stammpersonal im Einsatz ist, das ja im Gegensatz zu den Mitarbeitern der Zeitarbeit in die Krankenquote einfließt, während in Kliniken mit vielen Zeitarbeitern diese Ausfälle ja durchaus auch da sind und kompensiert werden müssen, aber in keiner Fehlzeitenstatistik auftauchen?

Bin ich also als Führungskraft vielleicht doch nicht so schlecht, wenn ich mein Team nicht mit anderen vergleichbaren Kliniken des Konzerns, sondern mit dem Bundesdurchschnitt vergleiche?

Leider liegen wir auch in diesem Vergleich über dem Durchschnitt, allerdings sind die Abstände nicht mehr ganz so ausgeprägt.

Bin ich also doch eine schlechte Führungskraft? Ich schaue mir also genauer an, warum meine Mitarbeiter fehlen.  Ja, ich weiß tatsächlich, warum sie krank sind, da wir (selbst bei psychischen Erkrankungen) eine offene Kommunikation pflegen und sich jeder „trauen“ darf, mit den Führungskräften, aber auch im Team, darüber zu sprechen….

Was haben wir also aktuell:

  • 1x Kreislaufbeschwerden in der Schwangerschaft
  • 2x Kind krank  
  • 1x Pfeiffersches Drüsenfieber
  • 1x Handgelenksfraktur
  • 2x Rückenbeschwerden
  • 1x Knie-OP bei Vorschädigung
  • 3x grippaler Infekt

Jetzt mal ehrlich? Für welche dieser Erkrankungen bin ich als Führungskraft verantwortlich zu machen?

(Und nein, ich habe den Mitarbeiter mit der Handgelenksfraktur nicht geschubst!)

Bin ich also als Führungskraft vielleicht doch nicht so schlecht, wenn ich mir einfach mal anschaue, was hinter den Erkrankungen steckt? Okay, die Rückenschmerzen könnten mir zugeschrieben werden, aber wir haben Hilfsmittel, Anweisungen, das schwierige Transfere nur zu zweit durchgeführt werden sollen, Kinästhetics-Schulungen. Stundenreduzierung wäre vielleicht ein Ansatz, aber das muss man sich bei den sowieso niedrigen Gehältern als Pflegekraft ja auch erstmal leisten können…Und die grippalen Infekte? Hätten sich ja auch zur Arbeit schleppen können, aber Präsentismus ist nicht hilfreich und andere anzustecken erst recht nicht…

Bin ich also doch eine schlechte Führungskraft? Wenn Führung an der Krankenquote gemessen wird, dann ist das wohl so. Dann werde ich damit leben müssen….

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2 Kommentare

  1. Hier ein kleiner Tipp…
    Der Krankenstand in einer Abteilung wird über einen festgelegten Zeitraum ermittelt. Üblicherweise ist das ein Jahr. Der durchschnittliche Krankenstand in einem Jahr wird oftmals in einer Prozentzahl angegeben. Das ist eine betriebswirtschaftliche Kennzahl.
    Der durchschnittliche Krankenstand aller Arbeitnehmer in Deutschland lag 2016 laut der gesetzlichen Versicherung bei rund 4,2 %.
    Ich kann jetzt nur für die Altenpflege sprechen, aber dort liegt der Krankenstand bei gut geführten Heimen ebenfalls um die 4 %. Bei schlecht geführten Altenpflegeheimen werden bis zu 24 % erreicht.
    Es besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen der Höhe des Krankenstandes und Mitarbeiterzufriedenheit / Mitarbeiterfluktuation.
    Eine Stichtagserhebung wie in diesem Artikel beschrieben, ist nicht dazu geeignet auf die Qualität der Mitarbeiterführung zu schließen. Die über ein Jahr ermittelte Kennzahl ist in dieser Hinsicht jedoch sehr aufschlussreich.
    Eine Pflegedienstleitung muss mit dieser Kennzahl umgehen können.
    Da sie ein Faktor ist der in der Berechnung der Nettoarbeitszeit, welche bei der Dienstplanerstellung beachtet werden musst, exorbitant wichtig ist.

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Frau F.,
      ich gebe Ihnen natürlich recht, dass eine Momentaufnahme nicht aussagekräftig ist und natürlich erheben wir auch die jährliche Durchschnittsquote. Mir ging es in dem Beitrag eher darum, wie vielfältig die beeinflussenden Faktoren insbesondere in der Pflege sein können. Wie Sie ja selbst schreiben, variieren die Krankenstände zwischen den verschiedenen Einrichtungen enorm und lassen sich dabei vermutlich nicht ausschließlich auf Führung zurück führen. So werden in gut „geführten“ Heimen aller Wahrscheinlichkeit nach auch eine bessere Ausstattung und bessere Strukturen vorliegen (was indirekt auf Führung zurückgeführt werden kann, aber in der Regel nicht nur an einer Person liegt).
      Das Unternehmen, in dem ich tätig bin, nimmt als Referenzwert zur Bewertung die von Ihnen angegebenen 4% an (während die BGW für ihre Mitgliedsbetriebe übrigens 6,5% angibt) und misst daran alle Professionen, was regelmäßig zu unserer überdurchschnittlichen Krankenquote führt, da wir uns eher im BGW-Bereich bewegen.

      Gefällt 1 Person

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