ALS ja? Chorea Huntington nein?

Und was ist mit Wachkoma? Oder beatmungspflichtigen Schlaganfällen?

Jens Spahn hat seine #RISG-Idee offensichtlich unter Druck der Betroffenen überarbeitet. Die Erläuterungen zum geänderten Gesetzesentwurf, die dem Tagesspiegel vorliegen, sind in meinen Augen nicht nur pervers, sondern auch widerwärtig. Zudem ahne ich, wenn der Tagesspiegel  nicht ins Detail geht und wortwörtlich zitiert, bei den aufgeführten Punkten, welche Menschenverachtung und welches Profitdenken einiger Lobbyisten Spahn die Feder geführt haben!

(Mir geht es jetzt nicht um meinen Beruf. Sondern darum, dass ich 24. August 1982 verdammtes Glück hatte, nicht zu den heute und künftig Betroffenen zu zählen. Denn der Unfall hätte auch anders ausgehen können! Mein Glück war, dass ich einen niegelnagel neuen Helm trug, als ich nach einem ca. 30m Flug zweimal mit dem Kopf gegen die Bordsteinkante knallte.)

Da mir die Erläuterungen nicht vorliegen, kann ich mich jetzt nur auf die im Tagesspiegel zitierten Passagen aus den Erläuterungen beziehen. Und ich traue der Zeitung zu, adäquat alles wiederzugeben.

Interessant ist nämlich, dass Spahn mit seinen Änderungen von einem Bestandsschutz spricht, der sich nur auf aktuell Erkrankte bezieht.

Der Tagesspiegel schreibt nämlich folgendes:

Und alle, die derzeit zuhause oder in Wohngemeinschaften intensivpflegerisch betreut werden, bekämen Bestandsschutz – ihnen droht also keine Verlegung in eine Klinik, auch nicht perspektivisch. (….) Patienten, die „trotz Beatmung in der Lage sind, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten“, also zum Beispiel solche mit ALS, sollen weiter die Möglichkeit haben, „wie andere Menschen am Leben in der Gemeinschaft teilzuhaben und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben“.

(Optische Hervorhebung durch mich!)

Wie aber sieht es mit Patienten aus, die einen Mediainfarkt mit massiver Dysphagie erlitten haben, die an Chorea Huntington leiden, die aufgrund eines Unfalles nicht mehr in der Lage sind, selbstbestimmt und selbst atmend am Leben teilzunehmen?

Wie sieht es mit den künftigen Kindern aus, die aufgrund eines Geburtfehlers oder anderen Hirnschadens noch bei ihren Eltern leben, aber noch nicht beatmet werden müssen oder bereits beatmet werden?

Müssen diese Menschen künftig in stationäre Einrichtungen versorgt werden? Nur, weil sie das „Pech“ hatten, nicht im heute und jetzt beatmet zu werden?

Der Tagesspiegel stellt eine ähnliche rhetorische Frage:

Denn Patienten im Wachkoma dürften nicht in diese Kategorie fallen, für sie also die häusliche Pflege nicht in Frage kommen – außer natürlich, sie werden vor Inkrafttreten des Gesetzes schon beatmet und genießen damit Bestandsschutz.

Ich rechne jetzt mal eins und eins zusammen:

Da ist die eine Gruppe 1 der mehr oder weniger beatmungspflichtigen Menschen oder die mit einem Tracheostoma, weil sie z.B. nicht mehr selbstständig schlucken können, aber dennoch Speichel produzieren, aus welchen Gründen auch immer, im JETZT.

Und da ist die Gruppe 2 der künftigen Menschen, denen nach dem geplanten Inkraft treten des Gesetzes (geplant für den Spätsommer 2020) einen Tracheostoma gelegt bekommen, die dann von dem Vorzug, zuhause oder in einer WG versorgt zu werden, ausgeschlossen werden, weil sie den Kriterien nicht entsprechen?

Ich unterstelle Spahn und seinen ihn beratenden Lobbyisten, dass sie alle insgesamt darauf hoffen, dass die Gruppe 1 allmählich stirbt und die andere Gruppe „übrig bleibt“,  um sie so den stationären Einrichtungen zuzuführen. Damit entledigen sie sich auf eine „natürliche“ Weise der ambulanten Intensivpflegedienste und stellen damit Fachkräfte frei, die ihrerseits wieder für ein „Merci“ in die Stationären Einrichtungen gehen, um die Menschen aus Gruppe 2 zu versorgen – und noch vier bis neun weitere Bewohner/ Patienten auch.

In diesem Sinne

Eure Frau Sofa

2 Kommentare

  1. […] Denn diese Regelung schafft keine Betroffenen, denen Herr Spahn sich eventuell unangenehm und vielleicht sogar öffentlich stellen müsste. Wie in der Einleitung erwähnt, für jeden Einzelnen von uns ist es Stand heute ziemlich unwahrscheinlich bis beinahe ausgeschlossen, dass das aktuell vorliegende Gesetz uns die eigene Häuslichkeit wegnehmen würde. Trotzdem wird es nach Inkrafttreten einzelne Menschen genau auf diese Art treffen, für die es dann zu spät sein wird, sich zu wehren. Die vielleicht sogar gar nicht können, beispielsweise Komapatienten. Siehe Frau Sofas ursprünglichen Beitrag hierzu: https://frausofa.wordpress.com/2019/12/05/als-ja-chorea-huntington-nein/ […]

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