Selbstreflexion – Grund des mangelnden Selbstbewusstseins?

Heute las ich auf Twitter einen Tweet, der mir sehr zu denken gab. Und ich merkte, wie sehr mir auch das Gefühl bekannt ist, das Gefühl der Schuld, als Pflegefachkraft einfach nicht gut genug gewesen zu sein, nicht perfekt funktioniert zu haben, vielleicht auch das eine oder andere Mal sich im Ton vergriffen zu haben, nicht empathisch genug auf den zu Pflegenden eingegangen zu sein und die von außen auf mich projezierten Erwartungen nicht erfüllt zu haben.

tobbe
(Tweet)

Diese Art der Selbstkritik scheint gerade in der Pflege besonders stark vertreten zu sein, stärker vielleicht sogar als in den allermeisten Berufen und Professionen. Und ich frage mich nicht erst seit heute, warum es so ist.

Ein elementares Element in der Ausbildung zur Pflegefachkraft ist die Fähigkeit zur Selbstreflexion, also das Überdenken des eigenen Handelns. Dies ist sogar ein Teil der Praktischen Prüfung in der Altenpflege. Dabei ist es immer die Aufgabe an den Prüfling, selbst festzustellen, was man hätte besser machen können, also sich und das Getane selbstkritisch zu reflexieren. Dies findet vor den Prüfern statt. Und es gehört auch dazu, dass die Prüfer ihrerseits entsprechend kritische Fragen stellen, wenn man als Examenskandidatin wagt zu sagen: „Ich habe alles richtig gemacht.

Es sind die Prüfer, die entscheiden, ob man gut oder schlecht/ böse war. Deshalb auch die kritischen (Selbst)Befragungen.  Und die Befragungen gliederte sich folgendermaßen: „Was haben Sie Ihrer Meinung nach gut gemacht?“ und als zweiter Block dann die Frage: „Was meinen Sie, ist nicht so gut gelaufen, was – glauben Sie – hätten Sie besser machen können?

In der Katholischen Kirche gibt es das Sakrament der Beichte. Auf Katholisch.de liest man dazu Folgendes:

Jeder Mensch erfährt auf seinem Lebensweg, dass er nicht nur Gutes tut, sondern häufig auch seine eigenen Ansprüche verfehlt. Vor Verfehlungen und Unbarmherzigkeiten ist auch ein getaufter Christ nicht geschützt, egal wie hoch er seine eigenen Ansprüche gesetzt hat. Wenn Sie sich also darüber bewusst sind, dass Sie eine schwere Sünde begangen haben, sollten Sie (…) zur Beichte gehen. Hier können Sie (…) auch die kleinen Dinge ansprechen, bei denen Sie vielleicht unbarmherzig anderen oder sich selbst gegenüber gewesen sind.

Im nächsten Absatz ist weiter zu lesen:

Durch die sündhafte Tat entscheidet sich der Mensch bewusst gegen Gott und stellt sich somit auch gegen seinen Heilsplan. Durch die Beichte wird der Beichtende wieder mit Gott und der Kirche versöhnt und ihm werden seine Sünden vergeben. (…) Der Beichtende wird so grundlegend mit sich und seiner Umwelt versöhnt und kann aus diesem Geschenk seinem Leben eine neue und bessere Ausrichtung geben.

Mag sein, dass ich jetzt zu weit ausgeholt habe, aber ich sehe hier sehr starke Parallelen zur Selbstreflexion in der Pflege.

Die Beichte beinhaltet fünf Voraussetzungen: Gewissenserforschung, Reue, guter Vorsatz, Bekenntnis (zu Gott und der Kirche) und Wiedergutmachung. Die drei ersten Elemente lassen sich auch in der Selbstreflexion, so wie sie in der Pflegeausbildung praktiziert wird, wiederfinden:

  1. Gewissenserforschung: „Habe ich alles richtig gemacht? Wo lagen meine Schwächen und Fehler?“
  2. Reue: „Ich hätte es anders machen müssen. Ich hatte nicht daran gedacht.“
  3. guter Vorsatz: „Das nächste Mal werde ich es machen. Ich merke, dass ich noch lernen muss“

Die Punkte 4 und 5 ergeben sich dann für die Pflege automatisch aus den Antworten auf die anderen drei Punkten. Durch das Eingestehen, nicht funktioniert zu haben, unterwirft sich die Pflegefachkraft dem System, in dem sie um ein „te absolvo“ bittet.

Und nun schlage ich wieder die Brücke zurück zur Prüfung: Nicht nur die Art der Fragen, sondern auch die Reihenfolge der Fragen in der Praktischen Prüfung sind bezeichnend. Zuerst wird nach dem Guten gefragt, dann kommt das Schlechte.

Und was bleibt, auch wenn man die Prüfung bestanden hat, im Gedächtnis hängen? Sicherlich nicht das gute Arbeiten, garantiert nicht – da das „Schlechte“ in der Aussprache mehr Raum einnimmt, auch wenn man nicht schlecht, sondern gut, gearbeitet hat. Es wird (zumindest war es so bei mir) solange nach Fehlern gesucht, bis man glaubte, einen gefunden zu haben. Und wenn ich mich heute an das Gespräch erinnere, erinnere ich mich nur an die Fragen, kann mich aber an kein Lob erinnern. Denn dafür war/ist in der Prüfung kein Raum vorgesehen.

Und dies hat irgendwie ein System.  Im Wikipediaartikel zur Beichte wird die Psychoanalytikerin Eveline List zitiert:

(…) insbesondere die Etablierung der „Ohrenbeichte“ für alle Christen habe als Kontrolle der einzelnen Menschen gedient, die Macht der Kirche vermehrt und die Idee der persönlichen Schuld propagiert.

Tauscht man nun „Kirche“ gegen „Pflege“ aus, dann wird ein Schuh daraus.

In der Online-Enzyklopädie aus den Wissenschaften Psychologie und Pädagogik (Stangl, 2020) findet sich folgende Definition des Begriffes „Selbstreflexion“:

Als Selbstreflexion bezeichnet man die Fähigkeit des Menschen, über die eigene Situation nachzudenken. Reflexionen von äußeren oder inneren Beobachtungen können als Chancen zum Erkennen von Problemen und Ansatzpunkten für Veränderungen angesehen werden. Selbstreflexion setzt das Vermögen zur differenzierten Selbstbeobachtung und eine gewisse Distanz zu sich selbst voraus.

Jeder von uns reflektiert sein Verhalten hin und wieder. Das ist ein ganz normaler Prozess.

Ich glaube aber, dass gerade in der Pflege Selbstreflexion mit Selbstkritik gleichgesetzt bzw. verwechselt wird, und das ganz bewusst von oben gesteuert! Unter diesen Umständen wird unserem Berufsstand eine Pflicht zur Selbstoptimierung auferlegt, um so in dem Chaos des Pflegenotstandes noch effizienter und effektiver zu funktionieren. Wir uns also selbst bereitwillig opfern, um das System am Leben zu halten.

Wer selbstkritisch glaubt, weil so anerzogen, nur Fehler zu machen, ist und bleibt klein. Und dieser Mensch wird auch nie lernen, laut NEIN! zu sagen, um sich zu behaupten. Solange die allermeisten von uns Pflegefachkräften sich wie Kamele verhalten, unterstelle ich ihnen diese Gedanken:

Was ist das Schwerste, ihr Helden? so fragt der tragsame Geist, dass ich es auf mich nehme und meiner Stärke froh werde. Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmuth wehe zu thun? Seine Thorheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten?

Dieses Zitat von Nietzsche aus „So sprach Zarathustra“ hatte ich schon vor zwei Jahren in einem Artikel verarbeitet. Und nun erlaube ich, mich selbst zu zitieren:

Das Kamel steht für Nietzsche für einen Devoten und Altruisten, zu dessen Werten „Demut, Selbstverleugnung, Genügsamkeit, Folgsamkeit und Anpassungsvermögen an widrige Umstände,“ also die Bereitschaft der Leidensfähigkeit als DEN maßgeblichen Charakterzug hat.

So lang in der Pflege die meisten Kollegen und Kolleginnen wie Nietzsches Kamele denken und handeln, lassen wir es zu, dass andere Stellen in Wirtschaft, Politik und Gewerkschaft wie auch Gesellschaft über uns entscheiden, über uns urteilen und meinen, den Stab über unseren Häuptern brechen zu dürfen.

Wenn wir uns dieser Instrumente, von denen es noch einige mehr gibt, bewusst werden und endlich sind, sind wir auch in der Lage, mal laut NEIN! zu sagen und uns zu behaupten, wie der Löwe bei Nietzsche.

Neue Werte schaffen – das vermag auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen – das vermag die Macht des Löwen.
Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu, meine Brüder, bedarf es des Löwen.

Widerspruch ist willkommen. Bitte unten ins Kommentarfeld oder drüben auf Twitter. Aber bevor Ihr diesem Text widersprechen wollt, geht erst einmal selbstkritisch in Euch. Denn manchmal ist zweimal negativ ein Plus.

In diesem Sinne
Eure Frau Sofa

 

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