Thema: „Leiharbeit“ vs. Lobbyismus

Aktualisierung: Die unten im Text aufgeführte Unternehmung Vivantes Personal gibt es seit 2013/ 2014 nicht mehr. (Danke für den Hinweis, werte unbekannte Person)

 

Vor einigen Wochen erregte die Nachricht,  dass die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) die Leiharbeit in der Pflege verbieten möchte, die pflegenden Gemüter. Und blöder Weise konnte die Senatorin dies erfolgreich in Berlin umsetzen.

Als Argumente wurden ihrerseits angeführt, dass u.a. die Leiharbeit durch bessere Bezahlungen und Arbeitsbedingungen Fachkräfte aus den Kliniken und Pflegeeinrichtungen abzögen. Desweiteren wurden die Kosten genannt, die die Leasingfirmen inzwischen für ihre Mitarbeiter verlangen. Und als letztes Argument kam die „Qualität“ der Leasingkräfte, denn die würden das Wohl der Patienten gefährden.

Fakt ist, immer mehr Pflegefachkräfte gehen in die Leasingarbeit, weil sie da zum einen (augenscheinlich) mehr verdienen und zum anderen ihre Freizeit so gestalten können, wie sie es für ihre Lebensführung benötigen. Letzteres ist eigentlich das wichtigste Argument überhaupt.

Aber nun zurück zu Dilek Kalayci. Sie ist nicht nur die Berliner Gesundheitssenatorin, sondern ist auch Mitglied im Aufsichtsrates von Vivantes.
vivantes
Quelle

Wer oder was ist nun eigentlich Vivantes?
Vivantes ist ein im Jahr 2001 gegründeter Berliner Krankenhaus- und Pflegeeinrichtungsbetreiber. Auf Wikipedia steht über diese GmbH zu lesen:

Vivantes betreibt neun Krankenhäuser mit über 100 Kliniken und Institutionen, die insgesamt über 5329 Betten verfügen. Ferner werden zwölf Pflegeheime für Senioren, zwei Seniorenwohnhäuser, eine ambulante Rehabilitation, ein Hospiz, mehrere medizinische Versorgungszentren, eine ambulante Krankenpflege sowie Tochtergesellschaften für Catering, Reinigung und Wäsche betrieben

Diese Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2012, sind also schon überaltert. Es gibt aber noch den Bundesanzeiger, über den sich aktuellere Fakten finden lassen. Im Jahr 2018 hatte der Aufsichtsrat von Vivantes demnach fünfmal getagt. U.a. zu den Themen:

  • Erwerb von Pflegeheimen der Senioren Domizile Gruppe
  • Neubau des Hauptstadtplege Hauses in Marzahn-Hellersdorf
  • Ausbildung vietnamesischer Altenpflegekräfte (als Projekt)
  • u.v.m.

Über Northdata.de wird es noch klarer. Vivantes wendet die Instrumente an, die auch die investorengetriebenen Pflegeeinrichtungen verwenden. Und bei dem gesamten Konstrukt wird klar, dass es hier allein um Profit geht:
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Im Geschäftsbericht 2018 der Vivantes GmbH (lt. Bundesanzeiger.de) bezeichnet sich das Unternehmen als einen der größten Anbieter auf dem Berliner Pflegemarkt. Das ist auch klar, wenn man sich die unterschiedlichen Aktivitäten ansieht.

Was besonders lustig an der von Northdata aufgelisteten Unternehmenskette ist, ist die Tatsache, dass Vivantes bis vor Kurzem selbst in der Personalvermittlung tätig war.

vivantes3

Die in diesem Bild aufgeführte Website: http://www.vivantes-personal.de steht derzeitig zum Verkauf, was also ein Indiz dafür ist, dass Vivantes dieses Engagement aufgegeben hat.

vivantes4

Nach diesen wenigen Fakten, die ich bewusst so knapp gehalten habe, um Euch nicht allzusehr zu langweiligen, wird mir eines klar.

Da ist eine Gesundheitsenatorin,

  • die im Aufsichtsrat eines riesigen Pflegekonstruktes sitzt, die den Verbot von „Zeitarbeit“ in Berliner Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen fordert und erfolgreich, auch mit Beifall des Paritätischen, durchsetzt,
  • die ein Verbot von Leiharbeit in Berliner Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern durchsetzt.

Aufgrund ihres Engagements im Aufsichtsrat von Vivantes unterstelle ich ihr einen massiven Interessenskonflikt und eine entsprechende Parteilichkeit.

Auch wenn ich fordere, dass mehr kommunales Engagement im Bereich der Pflege stattfinden muss, verurteile ich aufs Schärfste Maßnahmen, die dazu führen, Pflegefachkräften, die für sich selbst die marktwirtschaftlichen Gesetze und Möglichkeiten gefunden haben und für sich benutzen, in dem sie bewusst in die Leasingtätigkeit gegangen sind, zu verteufeln und über in meinen Augen restriktiven Gesetzen/ Erlassen/ Anordnungen zurück in die Arbeitsbedingungen zu zwingen, vor denen sie geflohen sind.

Weder in der Automobilindustrie wie auch in der Logistik oder der Lagerhaltung, wo Leiharbeiter regelmäßig eingesetzt werden, wird sich für ein Verbot dieser Tätigkeit stark gemacht. Es geht allein um die Pflege, ein emotionales Thema in der Öffentlichkeit. Und es wird mit Argumenten um sich geworfen, die haarsträubender und manipulativer kaum sein können.

Das Benehmen von Dilek Kalayci mit Blick auf die Leasing-Arbeit im Berliner Pflegebereich zeigt mir, dass die SPD überhaupt kein Interesse daran hat, die Pflegefachkräfte zu stärken und zu professionalisieren. Dieses Benehmen ist für mich schon eine Wahlempfehlung, bei der nächsten Bundestagswahl auf keinen Fall der SPD die Stimmen zu geben, wenn man auf eine Stärkung der Pflegefachkräfte und auf eine bessere Pflege der Angehörigen hofft.

Und während ich dies hier schreibe, twittert eine gute Bekannte von mir folgendes:

In 15 Jahren werden die Babyboomer zuhause ungepflegt verrecken! Die, die noch laufen können, sind dann unterwegs beim Flaschen sammeln… weil die Rente nicht reicht. Und die CDU-Penner streiten sich, ob „rechts“ sein ok ist. Das ist alles falsch

Ich sage: Jede Pflegefachkraft, die ihre Flucht in die „Leiharbeit“ gesucht und gefunden hat, liebt ihren Beruf. Denn sonst wäre sie zur Post gegangen oder hätte in irgendeinem Reinigungsdienst einen Job angenommen, um zu überleben. Sie, die Pflegefachkraft, aber entschloss sich, in der Pflege zu bleiben – nur unter anderen selbstbestimmten Umständen. Und die Gehälter, die sie dann bekommt, sind höher als in der Pflege – wie auch in der Freizeitgestaltung und den freien Wochenenden.

Ich sehe in dem Engagement von Frau Dilek Kalayci einen Interessenskonflikt. Für mich agiert sie als lobbyistische Politikerin, was ich absolut verurteile. Aus oben aufgeführten Gründen.

Wer meiner Leser/innen jetzt glaubt, einen verschrubbelten Text zu lesen – Leute! Das Thema ist verschrubbelt! So kompliziert!!!

In diesem Sinne
Eure Frau Sofa

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