Ich habe es manchmal so satt…

Wenn ich etwas überhaupt nicht mag, sind es Situationen, in denen ich ratlos, hilflos, hoffnungslos bin.

Während meiner gesamten professionellen Pflegelauflaufbahn habe ich immer wieder versucht, Probleme zu lösen, konstruktive Vorschläge zu machen und vor Ort positive Veränderungen zu bewirken.

Während der Ausbildung bestreitet ein Lehrer den Untericht nahezu ausschließlich mit Textarbeit („lest den Text mal durch und eantwortet die drei Fragen“), während er selbst in die Kantine geht?

  • Gut, dass ich die Abschlussrede halten konnte und dieses abschließend anprangern konnte (bevor jetzt jemand über „Nachtreten“ spricht, wir hatten das auch während der Ausbildung oft – auch in direkten Gesprächen- thematisiert, trafen aber nur auf taube Ohren) …

Während einer langjährigen Tätigkeit in einer Klinik erstelle ich Leitfäden, strukturiere Prozess und Dokumente, organisiere professionsübergreifende Besprechungen und erhalte dann auf meine Bewerbung zur Stationsleitung nicht mal eine Absage, sondern werde quasi beiläufig darüber informiert, wenn die PDL auf die Station kommt um der Mitbewerberin zu gratulieren?

  • Gut, dann verlasse ich halt das Unternehmen und fange woanders direkt als Stationsleitung an

Inzwischen bin ich als PDL tätig und habe das Gefühl, das „Ende der Fahnenstange“ erreicht zu haben: immer wieder lese ich in den sozialen Medien über böse, inkompetente, an der Misere „schuldige“ PDLs (und ja, die gibt es sicherlich). Das Aufzeigen systembedingter Problematiken, die auf veralteten hierarchischen Strukturen beruhen, wird mir auf Twitter als „Ärzte-Bashing“ und vor Ort als „Profilneurose“ ausgelegt. Dabei unterstelle ich niemandem fehlenden Kooperationswillen und Vorsatz, sondern einfach die auf Sozialisierung beruhende Fehlannahme, dass Pflege eine jederzeit verfügbare und auf Anordnung arbeitende Ressource ist.

Während die im Gesundheitswesen tätigen Professionen – oft aufgrund von Überlastung und Überforderung –  immer mehr versuchen, ihre eigene Profession zu schützen und ihre eigenen Pfründe zu sichern (da nehme ich die Pflege und auch mich selbst nicht aus )  und damit Probleme nicht lösen, sondern nur auf andere verschieben, werden die eigentlichen Verursacher überhaupt nicht benannt.

Und damit meine ich nicht einmal Geschäftsführer, die versuchen, aus den Unternehmen Renditen zu erwirtschaften oder die Mittel, die eigentlich für Personal gedacht waren, einer anderen Verwendung zuzuführen.

Als Verursacher der aktuell in Deutschland zu beobachtende „Gesundheitsmisere“ sehe ich:

Die Bevölkerung selbst:

Egoismus und Mitnahme-Mentalität nehmen zu, Dienstleistung wird vorausgesetzt („dafür habe ich ja bezahlt“), getriggert wird das dann noch von Qualitätsberichten, die Service in den Vordergrund stellen oder von Versicherungen, die „Luxus im Krankenhaus“ verkaufen wollen. Kanzler-Duelle, Krankenhausschließungen, und geschlossene Kinderintensiv-Stationen sorgen kurzzeitig für Aufregung – aber zumeist nur bei den direkten Betroffenen. Kurz danach kommt in unserer schnelllebigen Gesellschaft dann der nächste Aufreger und das weiterhin existierende Problem verschiebt sich in den Hintergrund und wird als vertagt bis zur nächsten medialen Berichterstattung – Sisyphos lässt grüßen.

Die Krankenkassen:

zu viele Kassen mit zu vielen Töpfen und zu wenig fachlicher Expertise. Diejenigen, die unsere Mittel „verwalten“ sollen, haben meines Erachtens zu viel Entscheidungsbefugnis bei zu wenig Überblick und zu wenig Flexibilität. Beispiel gefällig?

Patient soll nach Akut-KH zur neurologischen Reha (am Wohnort möglich), bei Aufnahme wird sehr hoher Pflegebedarf festgestellt, daher werden höhere Tagessätze bei der KK angefordert. Diese lehnt mangels bestehendem Versorgungsvertrag ab und der Pat. wird per KTW in das Akut-KH zurückverlegt (25 Km entfernt). Von dort geht die Reise jetzt in die geriatrische Reha (30 km), vermutlich ebenfalls mit KTW. Dort verbessert sich der Pat., wird erneut in der Neuro-Reha angemeldet und aufgenommen, jetzt zu dem vereinbarten Standard-Tagessatz. Was ist da passiert? Die Reha 1 hat den Pat. bis zur Verlegung hochaufwändig mit geringerem Satz versorgt und damit ein Minusgeschäft gemacht, das Akut-KH hat für die Wiederaufnahme vermutlich gar nichts bekommen (Fallpauschale) und ebenfalls ein Minus gemacht. Dafür wurden aber zusätzlich drei Krankentransporte finanziert.

Weitere Bespiele sind Ablehnungen für Hilfsmittel oder Reha-Maßnahmen, deren Nicht-Bewilligung an andere Stelle Kosten verursachen (höherer Pflegebedarf, Arbeitsunfähigkeit etc.)

Wundert sich da wirklich noch jemand, über zu wenig Mittel im System?

Die Politik:

Beschwichtigung und Schön-Färberei gehört inzwischen zum guten Ton. Bloß keine potentiellen Wähler verschrecken, in dem über höhere Beiträge überhaupt nur gesprochen wird. Bürgerversicherung? Nee, lieber nicht, da könnte ja jemand „benachteiligt“ werden. Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze? Bloß nicht, da müssten ja einige mehr zahlen und können weniger in die Wirtschaft investieren. „Echte“ Qualitätsinstrumente verbindlich festlegen, um auch das Outcome durch therapeutische, pflegerische und medizinische Versorgung darzustellen? Lieber nicht, könnte Kosten zur Folge haben. Krankenkassen zwingen, transparent darzustellen, was sie abgelehnt haben und welche Folgekosten daraus resultieren? Aber das geht doch nicht, da müssten ja Strukturen geändert werden und Fälle (Patienten) statt Töpfen zugrunde gelegt werden.

Ach ja, und dann sprechen wir nochmal kurz über Wertschätzung: wie soll denn ein Geschäftsführer, der sich vorrangig mit anderen Themen beschäftigt, die Relevanz von Pflege einschätzen können, wenn von der Politik Ausbildung verschlankt, das Mantra von „Pflege kann jeder“ und „Berufung“ immer wieder bemüht und „Fach“-Expertise von Ökonomen, Medizinern und sonstigen „Pflege-Experten“ eingeholt wird?

Das alles sind übrigens Dinge, die ich als PDL „vor Ort“ nicht lösen kann, da bräuchte ich jetzt mal echte Unterstützung, denn …

„Wenn ich etwas überhaupt nicht mag, sind es Situationen, in denen ich ratlos, hilflos, hoffnungslos bin“

  • momentan geht es genau in diese Richtung und dann muss ich halt weg….

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