Frau Sofa interviewt Marcus Jogerst

 

marcus jogerst

Marcus Jogerst betreibt in der wunderschönen Ortenau (Baden-Württemberg) mehrere Pflegeeinrichtungen.  Zusammen mit 160 Mitarbeitern betreut er rund 86 vollstationäre Pflegeplätze, neun Kurzzeitpflegeplätze, 120 ambulante Gäste und 20 Tagesgäste. Marcus Jogerst ist verheiratet und Familienvater.

Berufspolitisch umtriebig ist er oft im gesamten Bundesgebiet unterwegs, um in Vorträgen und Aufführungen den Beruf der Pflegefachkraft zu stärken.

Frau Sofa: Lieber Marcus, erst einmal möchte ich dir ganz herzlich dafür danken, dass du dich für ein Interview bereit erklärt hast. Manche meiner Leser werden dich schon irgendwo gelesen, gehört oder im Fernsehen gesehen haben. Könntest du dich dennoch bitte kurz vorstellen?

Marcus Jogerst: Gerne. Ich bin 43 Jahre alt und seit 1995 als examinierter Krankenpfleger in verschiedenen Pflegeeinrichtungen in unterschiedlichen Funktionen tätig gewesen. Das reichte über Praxisanleitung und Leitung bis hin zum Projektmanagement. Seit 2000 betreibe ich eine Unternehmensberatung mit den Schwerpunkten Qualitätsmanagement und Begleitung bei der Implementierung von Betreuungskonzepten für Menschen mit Demenz, in der ich Einrichtungen aller Arten begleite. 2006 eröffnete ich in Renchen meine erste Pflegeeinrichtung. Inzwischen betreiben wir ein rundes Quartiersmanagement mit ambulanten und teilstationären Einrichtungen. 2011 kam noch eine Einrichtung nur für Menschen mit Demenz dazu. Seit drei Jahren führen wir zudem hier vor Ort einen der wenigen solitären Kurzeitpflegebereiche, um unseren pflegenden Angehörigen eine Auszeit zu ermöglichen.

2013 wurde ich berufspolitisch aktiv. 2015 arbeitete ich mit Daniel Drepper, der damals noch bei Correktiv.org war, an dem BuchJeder pflegt allein“. All das mündete nun in meiner Funktion als Stellv. Vorsitzender des Vereins „Pflege in Bewegung e.V.“ Den Careslam von Yvonne Falckner unterstütze ich aktiv, und ich war auch schon in mehreren Zeitungen, Hörfunk und Fernsehsendungen zu lesen, zu hören oder zu sehen.

Frau Sofa: Marcus, du schreibst auf einmal vom „wir“. Wer ist „wir“? Investoren, Familienangehörige oder wer?

Marcus Jogerst: Ich schreibe vom „wir“, weil ich ohne mein Team nichts wäre. Meine Mitarbeiter sind mein „wir“. Wir sind eins.

Frau Sofa: Nach welchem Konzept betreibst du deine Einrichtungen? Wie sieht bei dir Mitarbeiterbindung aus? Gibt es bei dir eine Art Tarifvertrag? Was machst du anders als andere Einrichtungen? Was würdest du als dein Alleinstellungsmerkmal bezeichnen?

Marcus Jogerst: Wir haben von Anfang an nur mit kleinen Hausgemeinschaften und Wohnküchen gearbeitet. Ich meine hiermit ECHTE Wohnküchen, also ohne Dampfgarer oder Catering. Das ist zwar sehr personalaufwendig, entlastet aber letztlich die Pflege, denn so ist ein Ansprechpartner zusätzlich in den Hausgemeinschaften: die „Präsenzkraft“. Diese hat bei uns die Rolle einer „Hausfrau“ oder eines „Hausmanns“. So ist auch unser Essen. Eher bodenständig. Das mag man in Baden-Württemberg.

Was die Mitarbeiterbindung betrifft, versuchen wir die „guten“ Kräfte, die mit uns „schwingen“ zu halten. Hierauf legen wir ein großes Augenmerk. Das bedeutet flexible Dienstmodelle, gute Bezahlung, voll finanzierte Fort- und Weiterbildungen. Letztendlich ist es wichtig, dass ich und meine Einrichtungsleiterin immer „dabei“ sind. Wir sind ansprechbar, fast immer erreichbar und versuchen bei unklaren Situationen den Mitarbeitern den Rücken zu stärken. 80% unserer Fachkräfte sind bereits seit über sieben Jahren bei uns tätig. Bis vor wenigen Jahren waren wir der Meinung, jeden Mitarbeiter halten zu müssen. Dies haben wir aber inzwischen abgelegt. Letztlich geht es, wie oben beschrieben, um ein miteinander „schwingen“ und am gleichen Strang zu ziehen. Einzelne Ausreißer können ein ganzes Team mit in den Abgrund ziehen. Das wollen wir so vermeiden.

Und hinsichtlich der Vergütung: Wir bezahlen unsere Mitarbeiter freiwillig nach TVöD. Februar 2019 werden wir für unsere Pflegefachkräfte eine Höhergruppierung in die Gruppe P8 vornehmen. Damit liegen wir in unseren Einrichtungen deutlich über der des TVöD.

Ich glaube, die Struktur unserer Einrichtung, die Wahrung des „WIR“ und die freiwillige Übernahme des TvöD in unseren Einrichtungen heben uns aus der Masse der anderen privaten Einrichtungsbetreiber hervor.

Frau Sofa: Du bist nun nicht nur Pflegefachkraft, sondern betreibst auch eigene Einrichtungen. Mit welchen „Baustellen“ wirst du in deiner Arbeit als Einrichtungsleiter konfrontiert? Welche Probleme entstehen aus der Mitarbeiterschaft und welche kommen von außen?

Marcus Jogerst: Darüber ließe sich jetzt ein ganzer Roman schreiben. Was die Probleme betrifft, mit denen wir konfrontiert werden, würde ich mit einem Satz beschreiben, den ich auch als Leitspruch meiner beruflichen Laufbahn bezeichnen könnte. „Nichts Menschliches ist uns fremd“. Wir arbeiten mit Menschen an Menschen. Das bedeutet auch genau das.

Der ganze Blumenstrauß des menschlichen Lebens konzentriert sich bei uns wie in einem Brennglas. Manchmal muss man da auch Konsequenzen einleiten, denn unser Auftrag ist es letztlich, eine gute Begleitung von Menschen mit Pflegebedarf sicherzustellen. Da müssen unsere Bedürfnisse und auch die von Angehörigen manchmal hinten anstehen.

Wenn ich versuche, es zu fokussieren, würde ich als größte Baustelle die qualitative und quantitative Mitarbeitergewinnung bezeichnen. Die Politik hat in den letzten Jahrzehnten viele notwendige Maßnahmen unterlassen und dafür viele falsche verabschiedet.

Ich könnte der Politik unterstellen, dass sie die professionelle Pflege kaputt machen will. Da ich aber einige verantwortliche Politiker persönlich kenne und es dort durchaus engagierte Menschen gibt, will ich nicht so weit gehen. Ich würde dennoch sagen, dass die Politik bisher auf ganzer Linie versagt hat.

Auch wenn die Politik die richtigen Absichten hatte, hat sie zumindest unbesonnen und manchmal auch fahrlässig agiert. Politik hört oft auf die falschen Leute, und ich kann nur hoffen, dass hier bald eine „Besinnung“ einkehrt. Eigentlich sehe ich aber bereits jetzt schwarz für eine umfassende pflegerische Versorgung in der Bundesrepublik. Der Zug des Notstandes nimmt immer mehr an Fahrt auf.

Frau Sofa: Du bist im Verein „Pflege in Bewegung“ sehr aktiv. Was sind eigentlich die Ziele des Vereins und was könnte er, wenn er ausreichend Mitglieder hätte, bewegen?

Marcus Jogerst: Das oberste Ziel des Vereins ist die Sicherstellung einer hochwertigen pflegerischen Versorgung für alle Menschen in unserem Land. Aber eben auch menschenwürdige Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte und eine gute Pflegesituation für die pflegenden Angehörigen. Das gehört für uns zusammen, und obwohl einige Angehörige und Politiker meinen, man könnte Pflege „retten“ in dem man möglichst viele Menschen durch Angehörige betreuen lässt, ist das natürlich nicht mehr als Augenwischerei.

Die Versorgung der Zukunft muss alles möglich machen und dem Betroffenen und dem Angehörigen eine bezahlbare und menschenwürdige Alternative zur „Laienpflege“ zuhause bieten. Niemand soll mehr pflegen „müssen“, weil es am Geld mangelt oder weil es keine gute Alternative mehr gibt. Es kann aber auch nicht sein, dass wir nur mit einem vierten Arbeitsmarkt ohne jede Kontrolle Pflege zuhause anbieten können. Ich bin da ganz klar. Pflege hat das gleiche Recht auf Einhaltung von Arbeitsstandards wie jeder andere Beruf. Dabei ist es unabhängig ob eine Pflegekraft aus Polen kommt oder aus der Bundesrepublik.

Das muss man auch den Betroffenen selbst klar machen. Das eigene Schicksal rechtfertigt nicht den Missbrauch von Menschen die notleidend sind. Es darf keine Pflegekraft zweiter Klasse geben. Das Modell der „Live-ins“ ist nicht alternativlos! Es gibt Länder, da spielen diese illegalen Arrangements kaum eine Rolle. Und die Bundesrepublik verstößt hier im Übrigen auch gegen internationale Abkommen.

Für diese Ziele wollen wir Lobbyarbeit machen. Deshalb reden wir viel mit Politikern. Wir betreiben Lobbyismus für die Pflegenden, ob Pflegekräfte oder Angehörige.

Ich denke Pflege in Bewegung e.V. hat schon viel bewegt. Mit unseren ersten Auftritten hat sich der Ton in der Debatte verschärft, auch wenn ich ihn persönlich noch lange nicht scharf genug finde ob der Bedingungen unter denen die Kollegen arbeiten müssen.

In den letzten Jahrzehnten haben sich viele Entscheider im Elend der Pflege bequem eingerichtet und mit ihren „Sonntagsreden“ einer fehlgeleiteten „Ambulantisierung“ und „Entprofessionalisierung“ viel Geld verdient. Wir sehen aktuell die hilflosen Versuche der Pflegekatastrophe Einhalt zu gebieten. Wenn ich positiv denke, sollte inzwischen klar geworden sein, dass nur mit Laienpflege und mit Schimpfen auf die Einrichtungsträger nichts gewonnen wird. Es fehlen nach wie vor die richtigen Rahmenbedingungen, und daran werden wir mit dem Verein die Verantwortlichen auch weiter erinnern.

Frau Sofa: Was geht dir durch den Kopf, wenn du die Aktionen von Jens Spahn oder anderen Politikern wie auch Verbandsvertretern aus der Pflege beobachtest? Und dazu auch manche Äußerungen seitens Ver.dis lesen? Gerade auch in Bezug auf Ausbildung bzw. leistungsgerechte Bezahlung oder die Aufgabenverteilung wie Arbeitssituation? Findest du dich als Einrichtungsbetreiber in den Forderungen vertreten?

Marcus Jogerst: Das ist doch gar nicht die richtige Frage, ob ich mich als Einrichtungsleiter hier vertreten sehe! Eine Einrichtungsleitung kann doch immer nur mit dem Potenzial, das ihr zur Verfügung steht, arbeiten. Insofern würde ich eher die Frage stellen, ob ich mich als Pflegefachkraft vertreten fühle. Dazu gibt es von mir ein klares NEIN!

Die Politik, die Verbände und die Gewerkschaft haben auch eigene Interessen die es zu vertreten gilt. Die Politik will zuerst einmal Geld sparen.

Die Berufsverbände legen einen starken Wert auf die Akademisierung und die Generalistik. Das hängt damit zusammen, dass in den Berufsverbänden die Altenpflege nur schwach vertreten ist und viele Pflegewissenschaftler dort sind, die ihr Auskommen aus Forschungen beziehen.

Die Forderungen sind nicht falsch, werden aber für die Situation der Pflege, wenn nicht andere Maßnahmen mit ihnen einhergehen, völlig belanglos bleiben.

Ver.di bezeichnet sich selbst als „Pflegegewerkschaft“. Die Pflege und insbesondere die Altenpflege ist bei Ver.di aber nur sehr gering organisiert. Wenn man das anspricht, wird die Schuld von Gewerkschaftsseite gerne bei der Pflege selbst gesucht. Ich würde mich als Gewerkschaft fragen, ob mein Angebot attraktiv genug ist für die Mitglieder.
Die Hauptaufgabe einer Gewerkschaft ist der Abschluss von Tarifverträgen. Wenn ich es nun als Gewerkschaft in der derzeitigen Mangelsituation nicht schaffe, massive Lohnerhöhungen für Pflegefachkräfte durchzusetzen, muss ich mich doch fragen, welches Druckmittel mir die Zeit den noch in die Hände geben kann. Das zeigt auch die Erfolglosigkeit der sog. „Entlastungstarifverträge“. Wo sollen die Kollegen denn herkommen, wenn es keine mehr gibt?

Was Jens Spahn selbst betrifft. Die Verbände und Gewerkschaften machen es ihm leicht, mit den eher „werbeträchtigen“ Maßnahmen durchzukommen. Aber was man ihm zu Gute halten muss: es gibt auch „Lichtblicke“. Dazu zählen zum Beispiel die Personaluntergrenzen, die zwar völlig unzureichend sind, aber zumindest gibt es sie jetzt für einige Bereiche. Wie sich das in der Praxis auswirken wird, wird sich zeigen. Ich halte die Angst vor Bettenschließungen und Mangelversorgung zumindest für berechtigt.

Endgültig verloren hat er bei mir mit der Schirmherrschaft für einen Preis hinter dem eine Leiharbeitsfirma steht. Hier hat er bewiesen, dass er keine Ahnung hat, wie Pflege „tickt“.

Ich glaube nämlich nicht, dass Pflegekräfte sich nicht engagieren wollen. Nur engagierte Menschen halten es überhaupt in diesem Beruf unter den derzeitigen Bedingungen aus. Ich glaube, Pflegekräfte haben sehr feine Sensoren für Glaubwürdigkeit. Vielleicht bringt das der Beruf mit sich. Es fühlt sich eben nicht jeder durch einen „Youtubepflegestar“ vertreten. Es stellt sich mir daher die Frage, welche Verbindungen es da im Hintergrund gibt.

Die Pflegekräfte die sich in Einrichtungen engagieren, sind mittlerweile reichlich genervt von dem Geschäftsmodell der Leiharbeit in der Pflege. Das bedeutet nämlich, dass noch ein Unternehmer an den Pflegebedürftigen verdient. Das kann keiner wollen.

Die Kernfrage bleibt, wie können wir den Beruf attraktiver machen. Hierfür kommen wir um das Thema Bezahlung nicht herum. Wir können die vorhandenen Pflegekräfte nur mit neuen Kollegen entlasten und die wird es nur geben, wenn wir mehr bezahlen. Ich denke man sollte für die verantwortungsvolle und belastende Tätigkeit einer Pflegefachkraft Tarifgehälter von aktuell 4.000 Euro als angemessen bezeichnen. Und Herr Spahn hat dafür zu sorgen, dass die Refinanzierung steht, ohne dass der einzelne Betroffene das zu tragen hat.

Frau Sofa: Mal angenommen, die Pläne von Spahn wie auch die der Arbeitgeberverbände werden Realität. Wo siehst du als Einrichtungsbetreiber unter diesen Bedingungen die Pflege in ca. 15 Jahren?

Marcus Jogerst: Ich will mir nicht ausmalen, mit mehr gering qualifizierten Mitarbeitern arbeiten zu müssen.
Wenn wir die Spanne zwischen Pflegeforschung und der Praxis nicht verkleinern, bedeutet das mehr Druck für die verantwortlichen Kräfte. Dies wird zu einem weiteren „Pflegxit“ führen.

Der beste Expertenstandard nutzt nur dann etwas, wenn eine gut qualifizierte Pflegekraft ihn umsetzen kann. Das bedeutet auch eine quantitativ und qualitativ deutlich bessere Personalausstattung. Im Moment wird ein Expertenstandard nach dem anderen herausgeworfen, und man schert sich nicht darum, wie die Praxis ihn umsetzen kann. Sie hat es zu tun und kann es, wenn wir ehrlich sind, nicht. Schon Anfang der 2000’er Jahre zeigte eine Personalbemessung, dass wir damals rund 20% zu wenig Arbeitszeit für die geforderten Leistungen zur Verfügung hatten. Nun kamen etliche Expertenstandards und Programme wie zum Beispiel „Redufix“ dazu. Das alles ist nicht falsch, aber warum bitte sind dann die Personalschlüssel nicht erhöht worden?

Im Moment lügen wir uns selbst in die Tasche. Wir ziehen die theoretischen Überbauten immer höher und unterlassen die Anpassung der personellen Ausstattung. Das kann doch nicht gut gehen und erhöht noch zusätzlich den Frust bei den Pflegekräften.

In den letzten Jahren ist das Potenzial bei den Mitarbeitern zum konzeptionellen Arbeiten immer geringer geworden. Das bestätigen mir auch andere engagierte Einrichtungsleitungen. Mit den politisch abgesegneten Maßnahmen, die bisher auf dem Tisch liegen, werden wir nichts verändern.

Frau Sofa: Was muss deiner Meinung nach jetzt und sofort geschehen, damit mehr Menschen ihren Weg in die Pflege finden? An welchen Schrauben muss deiner Meinung nach dringend gedreht werden?

Marcus Jogerst: Ich denke, man muss den Pflegekräften sagen, wie es in fünf und in zehn Jahren aussehen wird. Das gilt sozusagen als Zielmarke festzuhalten und publik zu machen. Dann muss man mit regelmäßigen Evaluierungen bzw. anhand der Stepstones checken, ob man dem Ziel näher gekommen ist. Solche Aussagen wären meiner Meinung nach verlässlich und überprüfbar.

Die Politik hat gerade hier viel Vertrauen verspielt. Mit bloßem Aktionismus lockt man keine Pflegefachkraft hinter dem Ofen vor, die vor den unhaltbaren Arbeitsbedingungen geflohen ist.

Die zentralen Schrauben sind Bezahlung und verbesserte Personalschlüssel. Diese beiden Maßnahmen gehören unauflösbar zusammen.

Frau Sofa: Der AGVP begleitet als Schirmherr das Projekt „Weitblick Pflege“, einer modularen Weiterqualifikation für Pflegehilfskräfte. Bei erfolgreicher Absolvierung wird der oder die Teilnehmerin als „Fachkraft“ geführt. Siehst du in dieser Weiterqualifikation eine gute Lösung für die Abmilderung des Fachkräftemangels in der Pflege? Wie sieht deine Vorstellungen aus?

Marcus Jogerst: Entschuldigung, diese Forderungen bezeichne ich nicht als Weitblick, sondern als Rückschritt. Sie sind sogar geradezu schizophren. Wir hatten doch die geringe Qualifizierung in der Altenpflege bereits, und das war beileibe kein Ruhmesblatt. Seit Jahren wurden wir Pflegeeinrichtungen immer mehr an das Ende des Lebens gedrängt, das bedingt nun, dass wir vermehrt multimorbide Menschen mit extrem hohen Bedarfen an spezieller Pflege betreuen.

Der AGPV macht es sich hier zu leicht. Er sollte lieber in die Richtung einer deutlichen Erhöhung der Entgelte für Pflege vorstoßen und damit zu einer Vollfinanzierung der Pflegeleistungen, um aus dem Druck des Marktes herauszukommen. Dass dieses nicht mit der politischen Couleur einiger Akteure dort zusammenpasst, ist einleuchtend.

Was wirklich eine gute Sache wäre, wäre die Pflege von pflegefremden Leistungen zu entlasten. Welche Einrichtung hat heute schon zu den kompletten Tagesschichtzeiten eine Reinigung im Hintergrund? Warum müssen Pflegefachkräfte in Einrichtungen heute noch Essen schöpfen?
Hier liegt vielleicht ein Baustein in der Entlastung von Pflege. Das würde aber höhere Schlüssel für Hauswirtschaft bedeuten. Wir können den Personalbedarf unserer Wohnküchen zum Beispiel nicht aus den verhandelbaren Hauswirtschaftsschlüsseln refinanzieren. Obwohl diese die Pflege entlasten. Das gilt im Übrigen auch für Kliniken.

Frau Sofa: Auf Facebook zitierte der DbfK seine Sprecherin, Johanna Knüppel, folgendermaßen: „Pflegekräfte aus Spanien waren beispielsweise fassungslos, welche Tätigkeiten man ihnen in deutschen Altenheimen zumutete. Das waren Tätigkeiten, die noch unterhalb von Helfertätigkeiten in ihrem eigenen Land lagen„. Wie siehst du, als Einrichtungsleiter, die Idee unseres Bundesgesundheitsministers, Pflegeschulen im Ausland aufzubauen, um so Pflege(Fach)kräfte für unser Land zu rekrutieren?

Marcus Jogerst: Das passt ja zu meinen Ausführungen vorhin: Zur Entlastung von pflegefremden Tätigkeiten.
Hier hat der DbfK Recht, auch wenn es nur die halbe Wahrheit ist. Der Grund für diese Idee liegt doch darin, dass Mitarbeiter aus Niedriglohnländern gewonnen werden sollen, für die das Gehalt einer Pflegefachkraft bei uns attraktiv ist. Damit will man die Entlohnungsfrage umgehen. Das muss man sehr kritisch sehen. Wenn man gut ausgebildete Pflegefachkräfte einsetzt, stellt sich die Frage, welche Tätigkeit tatsächlich durch eine Pflegefachkraft erledigt werden sollte.

An dieser Stelle kommt man zum leidigen Thema Fachkraftquote, und diese wäre mit einer Mindestbesetzung besser beantwortet. Diese muss berücksichtigen, dass eben für alle pflegefremden Tätigkeiten eine, in diesem speziellen Bereich geschulte, Hand vorhanden ist und die Kontrolle durch eine Pflegefachkraft auch zeitlich möglich ist.

Ich halte es für völlig verkehrt, jetzt originäre Tätigkeiten einer Pflegefachkraft auf gering qualifizierte Mitarbeiter zu übertragen. Aber es müssen genügend gut qualifizierte Pflegefachkräfte zur Verfügung stehen, und diese sollten auch nur diese Pflegefachkrafttätigkeiten“ ausführen. Wenn die Pflegefachkraft nur zu einer „Behandlungspflegerin“ degradiert wird, haben wir nichts gewonnen. Das haben gerade die zusätzlichen Betreuungskräfte in den Einrichtungen gezeigt.

Gerade Altenpflegefachkräfte sind geradezu Betreuungsspezialisten. Dieses Tätigkeitsfeld wurde ihnen aber durch die Betreuungskräfte komplett genommen. Und ich glaube nicht, dass das den Beruf der Altenpflegerin attraktiver gemacht hat, eher im Gegenteil.

Frau Sofa: Westerfellhaus hat eine Rückkehrerprämie von mehreren tausend Euros vorgeschlagen. Hältst du diesen Vorschlag für eine gute Idee, oder was würdest du beim Thema „Rekrutierung neuer Pflegefachkräfte“ bzw. „Rückgewinnung der Pflexiter“ anders machen? Gehst du mit den Vorschlägen unseres Pflegebeauftragten, Andreas Westerfellhaus, konform? Wie sehen deine Ideen aus?

Marcus Jogerst: Die Idee ist gut. Wenn diese aber nicht in eine tatsächliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen eingebettet ist, wird sie keinen Erfolg zeigen. Eben dieser Schritt ist ja noch nicht vollzogen und noch nicht einmal konkret benannt.

Ich gehe nicht davon aus, dass sich eine Pflegefachkraft mit einer Rückkehrprämie ködern lässt, so lange nicht geklärt ist, welches Ziel im Hinblick auf Entlohnung oder Personalschlüssel angesteuert wird. Zurückkehren um wieder zu verbrennen?

Entschuldigung, das ist mir zu kurz gedacht und da hätte ich mir von einem Pflegebeauftragten mehr erwartete. Es war ein kluger Schachzug von Herrn Spahn, Herrn Westerfellhaus mit Pflege zu „beauftragen“. Allerdings legte man ihn damit auch an die Leine der Politik.

Warum gibt man nicht das Versprechen ab, alle Maßnahmen zu ergreifen, die Personalschlüssel zumindest erst einmal auf einen Mittelwert der anderen westeuropäischen Länder zu heben? Dann hätte man ein Ziel und man könnte daraufhin arbeiten. Einer Pflegefachkraft wäre klar, auf welche Bedingungen sie sich bei einer Rückkehr in den Beruf einlässt.

Frau Sofa: Jeder Mensch hat eine Vision, wie er oder sie später im Alter sich versorgt wünscht. Erlaube mir eine ganz persönliche Frage. Möchtest du unter den derzeitigen Umständen alt werden?

Marcus Jogerst: Eine ganz persönliche Antwort hierauf ist: „Ach, wenn der Körper nicht wäre“. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, würde ich eine Demenz einem körperlichen Verfall vorziehen und wenn der körperliche Verfall einsetzt, bitte ich um die geistige Einschränkung, es nicht zu sehr spüren zu müssen. Ansonsten würde ich mich natürlich irgendwann über Zeit mit den Enkelkindern freuen und hoffen, so lange wie möglich bei Gesundheit zu bleiben.

Frau Sofa: Wie sieht dein Wunsch nach Fürsorge im Alter aus?

Marcus Jogerst: Die Frage wurde mir schon oft gestellt, scheinbar eine beliebte Frage an Einrichtungsleiter.

Wenn meine Familie genügend professionelle Unterstützung hat und sich für meine Pflege stark genug fühlt, will ich so lange wie möglich bei meinen Lieben bleiben. Wenn es ihnen aber zu schwer wird, will ich auf keinen Fall, dass sie sich für mich aufopfern. Dann wäre das spätestens der Zeitpunkt, mich in eine Pflegeinrichtung zu begeben.

Falls unsere Kinder nicht bei uns wohnen, wäre dieser Zeitpunkt für mich früher erreicht. Ich glaube nach wie vor an die Gemeinschaft von Menschen in Pflegeeinrichtungen. Dass Pflegeeinrichtungen zu Bedingungen arbeiten können, die den Betroffenen die Angst vor diesem Schritt nehmen, dafür kämpfe ich heute und dass sehe ich als „Wissender“ auch als meine Pflicht an. Ich will auf keinen Fall alleine zuhause sein und meinen einzigen Ansprechpartner in einer gehetzten Pflegekraft finden, die mir in fünf Minuten meine Medikamente verabreicht.

Frau Sofa: Marcus, ich danke herzlich für deine Antworten.

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